﻿WEBVTT

00:00:16.440 --> 00:00:21.040 align:center line:-2
<i>(Inge Deutschkron aus dem Off) In diesem Haus</i>
<i>befand sich Otto Weidts Blindenwerkstatt.</i>

00:00:21.200 --> 00:00:28.320 align:center line:-2
<i>Hier arbeiteten in den Jahren 1940 bis 1945</i>
<i>vornehmlich jüdische Blinde und Taubstumme.</i>

00:00:28.480 --> 00:00:30.600 align:center line:-1
<i>Unter Einsatz seines Lebens</i>

00:00:30.760 --> 00:00:35.560 align:center line:-2
<i>beschützte Weidt sie und tat alles,</i>
<i>um sie vor dem sicheren Tod zu retten.</i>

00:00:35.880 --> 00:00:39.000 align:center line:-2
<i>Mehrere Menschen</i>
<i>verdanken ihm das Überleben.</i>

00:00:39.320 --> 00:00:41.880 align:center line:-1
(Unverständliches Stimmengewirr)

00:00:45.400 --> 00:00:49.440 align:center line:-2
<i>(Inge Deutschkron) Hier war eben</i>
<i>alles anders. Hier kam man her.</i>

00:00:49.600 --> 00:00:54.200 align:center line:-2
<i>Und hier war jemand, der war freundlich,</i>
<i>der half, der versuchte zu helfen.</i>

00:00:54.360 --> 00:00:58.200 align:center line:-2
<i>Er hat uns aufgerichtet,</i>
<i>innerlich aufgerichtet.</i>

00:00:59.280 --> 00:01:01.760 align:center line:-1
(Unverständliches Gemurmel)

00:01:02.960 --> 00:01:06.160 align:center line:-2
(Lehrer) Vielen Dank,
dass wir hier sein dürfen.

00:01:06.320 --> 00:01:08.160 align:center line:-1
Ich bin unschuldig.

00:01:13.400 --> 00:01:17.040 align:center line:-2
Vielen Dank, dass ihr hier seid.
Das ist ja auch sehr nett.

00:01:17.200 --> 00:01:21.200 align:center line:-2
Noch dazu so einen langen Weg, nicht?
Wann sind Sie aufgestanden?

00:01:21.360 --> 00:01:23.800 align:center line:-2
Um sechs.
- Das ist ja gar nichts.

00:01:23.960 --> 00:01:25.920 align:center line:-2
Ja, eben.
- (Lachen)

00:01:26.240 --> 00:01:30.920 align:center line:-2
Und ihr? Auch um sechs?
- (Unverständliches Gemurmel)

00:01:31.080 --> 00:01:35.880 align:center line:-2
(Inge Deutschkron) Halb sechs?
Von Potsdam, ja? Alle von Potsdam. Aha, ja.

00:01:37.320 --> 00:01:42.080 align:center line:-2
Ich habe gehört, ihr wisst alles.
Das wollen wir mal jetzt ausprobieren.

00:01:42.240 --> 00:01:44.240 align:center line:-2
Wollen wir anfangen?
- Ja.

00:01:50.640 --> 00:01:56.240 align:center line:-2
Ach, das war eigentlich ein Zufall.
Damals mussten Juden in Fabriken arbeiten.

00:01:56.400 --> 00:01:59.800 align:center line:-2
In Fabriken
oder hier draußen auf der Straße und so.

00:02:00.120 --> 00:02:04.400 align:center line:-2
Alles, was Schwerstarbeit war,
mussten Juden machen.

00:02:04.720 --> 00:02:09.840 align:center line:-2
Sie durften keine leichte Arbeit machen.
Büroarbeiten kamen überhaupt nicht infrage.

00:02:10.000 --> 00:02:14.120 align:center line:-2
Davor hatten wir natürlich Angst.
Ich wollte auch nicht in eine Fabrik.

00:02:14.440 --> 00:02:17.880 align:center line:-1
Mein Arbeitgeber im Haushalt sagte:

00:02:18.040 --> 00:02:21.360 align:center line:-2
"Du musst
einen anständigen Arbeitgeber finden.

00:02:21.520 --> 00:02:24.440 align:center line:-2
Mal sehen,
ob wir da nicht was drehen können."

00:02:24.600 --> 00:02:28.160 align:center line:-2
Er schickte mich zu einer Dame
in der Jüdischen Gemeinde:

00:02:28.320 --> 00:02:31.280 align:center line:-2
"Ich kenne einen,
der sehr gut zu Juden ist."

00:02:31.440 --> 00:02:34.320 align:center line:-1
Das war damals was Seltenes, nicht? Klar.

00:02:34.480 --> 00:02:37.480 align:center line:-1
Und sie schickte mich hierher.

00:02:37.800 --> 00:02:42.400 align:center line:-2
Da saß dieser Otto Weidt. Ich habe
noch nicht mal gesehen, dass er blind ist.

00:02:42.560 --> 00:02:45.880 align:center line:-2
Und er tat auch so.
Ich hatte einen Brief für ihn

00:02:46.200 --> 00:02:50.440 align:center line:-2
und er tat so, als wenn er ihn las.
Er konnte ihn gar nicht lesen.

00:02:50.680 --> 00:02:55.440 align:center line:-2
Er erkundigte sich, wer ich bin
und woher ich komme und meine Familie und so.

00:02:55.600 --> 00:02:59.120 align:center line:-2
Er interessierte sich im Besonderen
für meinen Vater,

00:02:59.840 --> 00:03:03.320 align:center line:-2
der ein sehr aktiver Sozialdemokrat
vor den Nazis war

00:03:03.640 --> 00:03:06.320 align:center line:-1
und gekämpft hat gegen die Nazis.

00:03:06.480 --> 00:03:10.800 align:center line:-2
Das war ja üblich, dass die Kommunisten
und die Sozialdemokraten kämpften

00:03:11.120 --> 00:03:13.560 align:center line:-1
gegen die Machtergreifung der Nazis.

00:03:13.880 --> 00:03:17.280 align:center line:-2
Das interessierte ihn sehr
und später stellte ich fest,

00:03:17.440 --> 00:03:20.560 align:center line:-2
dass er politisch eben auch
gegen die Nazis war.

00:03:20.720 --> 00:03:25.120 align:center line:-2
Dann sagte er plötzlich:
"Ich möchte, dass Sie bei mir arbeiten."

00:03:25.560 --> 00:03:30.920 align:center line:-2
Ich war natürlich begeistert. Ich hatte
keine Ahnung, was eine Blindenwerkstatt ist,

00:03:31.080 --> 00:03:36.080 align:center line:-2
dass man Bürstenzieher sein kann,
dass man das nicht lernen muss und so.

00:03:36.240 --> 00:03:40.720 align:center line:-2
Und dann sagte ich Ja
und er bestellte mich zum Arbeitsamt.

00:03:41.040 --> 00:03:43.920 align:center line:-1
Es gab ein besonderes Arbeitsamt für Juden.

00:03:44.240 --> 00:03:46.800 align:center line:-1
Das war aber nicht in jüdischer Hand,

00:03:46.960 --> 00:03:51.480 align:center line:-2
sondern wurde von einem Erz-Nazi geführt,
einem widerlichen Kerl.

00:03:51.800 --> 00:03:55.680 align:center line:-2
Er nannte uns immer
"Dreckjuden" und "Saujuden" und so was.

00:03:55.840 --> 00:03:59.040 align:center line:-2
Und dann war es sehr komisch:
Er hatte kurze Beine

00:03:59.200 --> 00:04:03.320 align:center line:-2
und stapfte immer
wie ein Verrückter durch die Halle.

00:04:03.480 --> 00:04:07.320 align:center line:-2
Der Körper kam gar nicht mit,
so sah das aus.

00:04:07.840 --> 00:04:12.200 align:center line:-2
War sehr zum Lachen. Aber es war nicht
zum Lachen, der Mann war ein Ekel.

00:04:12.360 --> 00:04:16.320 align:center line:-2
Der hat rausgekriegt,
dass die Jüdische Gemeinde uns geholfen hat,

00:04:16.480 --> 00:04:20.040 align:center line:-2
zu Otto Weidt zu kommen,
und hat uns an dem Tag rausgeschmissen.

00:04:20.200 --> 00:04:24.960 align:center line:-2
Da mussten wir in die Fabrik, zu IG Farben,
und dort war es ganz hässlich.

00:04:25.120 --> 00:04:29.640 align:center line:-2
Wir durften nicht mit "Ariern",
so nannte man die, die keine Juden waren...

00:04:29.960 --> 00:04:33.440 align:center line:-2
Ist das bekannt, ja?
... nicht zusammenkommen.

00:04:33.600 --> 00:04:39.440 align:center line:-2
Und die Vorarbeiterin, so ein dickes Paket,
stand immer einen Meter entfernt von uns.

00:04:39.600 --> 00:04:44.040 align:center line:-2
Ich dachte immer, wir haben Bazillen,
von denen ich nichts weiß. Also...

00:04:44.200 --> 00:04:46.560 align:center line:-1
Die Behandlung war entsetzlich.

00:04:46.880 --> 00:04:51.360 align:center line:-2
Und dann hatten wir nur ein Thema.
Wir waren alle Frauen, ja?

00:04:51.520 --> 00:04:56.240 align:center line:-2
Wie kommen wir hier wieder raus?
Hier muss man wieder raus, irgendwie.

00:04:56.400 --> 00:05:01.080 align:center line:-2
Und die Frauen, die älter waren...
Ich war damals 19 Jahre und kerngesund.

00:05:01.400 --> 00:05:06.080 align:center line:-2
Aber die anderen waren alle älter
und hatten Krankheiten oder erfanden sie.

00:05:06.240 --> 00:05:09.560 align:center line:-2
Jedenfalls
wurde eine nach der anderen entlassen,

00:05:09.720 --> 00:05:14.320 align:center line:-2
weil damals die IG Farben, die Firma,
noch Krankengeld zahlen musste.

00:05:14.480 --> 00:05:16.720 align:center line:-1
Aber was hatte ich? Gar nichts.

00:05:17.280 --> 00:05:22.200 align:center line:-2
Ich kann heute nicht mehr sagen,
wie ich zu dieser Krankheit kam.

00:05:22.680 --> 00:05:28.080 align:center line:-2
Ich bin am nächsten Tag
mit ganz hohen Absätzen zur Arbeit gegangen

00:05:28.400 --> 00:05:31.480 align:center line:-2
und habe zehn Stunden
an der Maschine gestanden.

00:05:31.640 --> 00:05:35.960 align:center line:-2
Wir haben Fallschirmseide gemacht.
Das war ganz schön anstrengend.

00:05:36.120 --> 00:05:39.840 align:center line:-2
Und das mit den hohen Schuhen
hat natürlich geklappt,

00:05:40.000 --> 00:05:45.520 align:center line:-2
denn nach drei Tagen hat das Knie "knack"
gemacht und ward nicht mehr zu bewegen.

00:05:46.080 --> 00:05:48.920 align:center line:-2
Das war zwar unangenehm,
aber es war gut.

00:05:49.240 --> 00:05:53.400 align:center line:-2
Ich wurde wirklich entlassen
und ging als Erstes zu Otto Weidt.

00:05:53.720 --> 00:05:56.440 align:center line:-1
Ich wusste, das ist was für ihn.

00:05:56.600 --> 00:06:00.320 align:center line:-2
Ich kam hier rein und der war selig,
das hat ihm so gefallen.

00:06:00.480 --> 00:06:03.440 align:center line:-2
Er hatte damals schon...
Er war ja nicht jung,

00:06:03.600 --> 00:06:08.960 align:center line:-2
also für ihn war ich ein kleines Mädchen
und er ein alter Mann...

00:06:09.280 --> 00:06:13.600 align:center line:-2
Er hatte sehr viele Falten, wenn er lachte,
sah es aus wie ein Akkordeon.

00:06:13.920 --> 00:06:17.800 align:center line:-2
Könnt ihr euch das vorstellen?
Die Falten auseinander...

00:06:18.040 --> 00:06:22.040 align:center line:-2
Na ja, jedenfalls sagte er sofort:
"Das ist ja großartig.

00:06:22.200 --> 00:06:27.280 align:center line:-2
Und jetzt werden wir doch noch mal versuchen,
dass du bei mir angestellt wirst."

00:06:27.600 --> 00:06:32.840 align:center line:-2
Dann sind wir zusammen zum Arbeitsamt
gegangen, zu diesem ekelhaften Kerl.

00:06:33.520 --> 00:06:38.120 align:center line:-2
Ich hatte einen großen Verband ums Knie,
war nicht mehr nötig, aber besser war es,

00:06:38.280 --> 00:06:41.920 align:center line:-2
und einen Stock natürlich,
und er hatte die Blindenbinde um.

00:06:42.240 --> 00:06:46.280 align:center line:-2
Wenn er in ein öffentliches Amt ging,
dann hatte er diese Binde um.

00:06:46.440 --> 00:06:50.080 align:center line:-2
Das macht ja eine andere Atmosphäre.
Da kommt ein Blinder.

00:06:50.240 --> 00:06:54.880 align:center line:-2
Also ich mit dem Knie und er
mit der Blindenbinde und auch einem Stock.

00:06:55.520 --> 00:07:01.320 align:center line:-2
Hinterher sagte ich immer:
"Das war der Blinde und die Lahme."

00:07:01.480 --> 00:07:04.880 align:center line:-2
Nicht? So kamen wir da an.
- (Lachen)

00:07:05.200 --> 00:07:10.120 align:center line:-2
Otto Weidt hatte irgendwas im Arm.
Später stellte sich heraus, es war ein Paket.

00:07:10.280 --> 00:07:14.800 align:center line:-1
Also jedenfalls, der ging zu ihm rein.

00:07:14.960 --> 00:07:17.720 align:center line:-1
Der war wie ein alter Freund, nicht wahr?

00:07:17.880 --> 00:07:22.480 align:center line:-2
Dann kam er wieder raus und sagte zu mir:
"Komm her, du bist bei mir angestellt."

00:07:22.640 --> 00:07:28.360 align:center line:-2
So sprach dann Otto Weidt mit mir
und ich ging auf meinen Stock gestützt,

00:07:28.520 --> 00:07:32.720 align:center line:-2
tapste auch, dass ich hochkam.
Auf jeden Fall...

00:07:33.240 --> 00:07:38.120 align:center line:-2
Und dann ging Herr Eschhaus
hinter Otto Weidt her und sagte:

00:07:38.280 --> 00:07:40.520 align:center line:-1
"Wir sind Ihnen ja so dankbar.

00:07:40.680 --> 00:07:45.120 align:center line:-2
Sie nehmen uns immer die Menschen ab,
die wir anderweitig nicht vermitteln können."

00:07:45.840 --> 00:07:49.160 align:center line:-1
Natürlich machte Otto Weidt auf vornehm.

00:07:49.400 --> 00:07:52.760 align:center line:-2
Wir haben nachher furchtbar gelacht,
ist klar.

00:07:52.920 --> 00:07:54.880 align:center line:-1
So kam ich zu Otto Weidt.

00:07:55.200 --> 00:07:58.640 align:center line:-1
Otto Weidt hatte nicht nur mich angestellt.

00:07:58.960 --> 00:08:03.080 align:center line:-2
Alice Licht war vier Jahre älter als ich
und wurde seine Sekretärin.

00:08:03.400 --> 00:08:06.840 align:center line:-2
Eine wunderbare Sekretärin,
so was gibt's heute nicht mehr.

00:08:07.160 --> 00:08:09.760 align:center line:-1
Außerdem hatten wir einen Buchhalter.

00:08:09.920 --> 00:08:14.760 align:center line:-2
Der sah aus wie ein Preuße.
Jedes Haar saß an der richtigen Stelle.

00:08:14.920 --> 00:08:20.400 align:center line:-2
Ich hatte eigentlich keine richtige Aufgabe.
Ich machte alles, was so anfiel.

00:08:20.720 --> 00:08:25.240 align:center line:-2
Das heißt, ich zählte die Besen,
wie viele rein- und rausgegangen sind.

00:08:25.400 --> 00:08:31.000 align:center line:-2
Das nannte man "Expedition".
Das hat er extra für mich geschaffen.

00:08:31.160 --> 00:08:35.000 align:center line:-2
Und ich habe das Telefon bedient,
damals konnte ich das noch.

00:08:35.160 --> 00:08:39.840 align:center line:-2
Außerdem habe ich Rechnungen geschrieben.
Es war wie eine Familie hier.

00:08:40.160 --> 00:08:43.200 align:center line:-1
Otto Weidt hat sich unser angenommen.

00:08:43.480 --> 00:08:47.040 align:center line:-2
Und das ist das Interessanteste
und mir das Wichtigste:

00:08:47.200 --> 00:08:52.720 align:center line:-2
Otto Weidt hat uns behandelt wie Menschen.
Das war in Deutschland damals nicht üblich.

00:08:52.880 --> 00:08:58.360 align:center line:-2
Ein Jude war ein Krimineller, ein Verbrecher,
ich weiß nicht, was sonst noch.

00:08:58.520 --> 00:09:02.160 align:center line:-2
Es gab kein hässliches Wort,
das man nicht über uns sagte.

00:09:02.320 --> 00:09:07.000 align:center line:-2
So war das auch... Das hat das Volk
auch aufgenommen, komischerweise.

00:09:07.160 --> 00:09:10.240 align:center line:-2
Das kann ich auch nicht ganz verstehen,
aber das war so.

00:09:10.560 --> 00:09:14.440 align:center line:-2
Der Jude war ein "Dreckschwein",
mit dem will man nichts zu tun haben.

00:09:14.760 --> 00:09:19.160 align:center line:-2
Den hat man angezeigt, wenn was war,
der konnte sich ja nicht wehren dagegen.

00:09:20.120 --> 00:09:24.680 align:center line:-2
Man kam also hier in die Blindenwerkstatt,
hier war Otto Weidt.

00:09:24.840 --> 00:09:29.400 align:center line:-2
Das war ein Mensch, der kam auf uns zu
und behandelte uns auch wie Menschen.

00:09:29.560 --> 00:09:33.600 align:center line:-2
Wenn wir Sorgen hatten,
und die hatten wir weiß Gott en gros,

00:09:33.760 --> 00:09:37.600 align:center line:-2
Sorgen und Schwierigkeiten,
dann gingen wir zu ihm.

00:09:37.760 --> 00:09:40.800 align:center line:-2
Er versuchte zu helfen,
soweit er es konnte.

00:09:40.960 --> 00:09:44.240 align:center line:-2
Aber die Tatsache,
dass er uns so behandelte

00:09:44.400 --> 00:09:47.360 align:center line:-2
und uns Mut zusprach
und Hoffnung zusprach

00:09:47.520 --> 00:09:52.960 align:center line:-2
und bewies, dass er jemanden sehr hasste,
nämlich Adolf Hitler und die Nazis...

00:09:53.120 --> 00:09:56.920 align:center line:-2
Ich habe nie jemanden
in Berlin gesehen in der Zeit,

00:09:57.080 --> 00:10:00.400 align:center line:-2
der die Nazis so hasste wie Otto Weidt
und alles tat,

00:10:00.560 --> 00:10:05.160 align:center line:-2
um sie zu hintergehen und zu ärgern,
was auch immer, auszutricksen.

00:10:05.800 --> 00:10:10.640 align:center line:-2
So hat er uns natürlich sehr gut behandelt.
Er hat alles getan, um uns zu helfen.

00:10:10.800 --> 00:10:15.840 align:center line:-2
Und ich würde sagen,
das war wichtiger als die materiellen Dinge,

00:10:16.000 --> 00:10:19.520 align:center line:-2
die er uns verschaffte,
wie zum Beispiel was zu essen.

00:10:19.680 --> 00:10:24.600 align:center line:-2
Wir hatten ja furchtbar wenig zu essen,
denn die Rationierung der Lebensmittel...

00:10:24.760 --> 00:10:28.280 align:center line:-2
Mit dem Krieg kam
eine Rationierung der Lebensmittel.

00:10:28.440 --> 00:10:33.920 align:center line:-2
Man konnte nicht einfach Butter kaufen.
Das ging nicht, da waren diese Marken.

00:10:34.320 --> 00:10:38.120 align:center line:-2
Und die Nicht-Juden
kriegten natürlich so eine Ration,

00:10:38.280 --> 00:10:42.960 align:center line:-2
aber die war viel größer als die unsere,
unsere Rationen waren viel kleiner.

00:10:43.120 --> 00:10:46.800 align:center line:-2
Wir mussten uns die Lebensmittelkarten
in einem Amt abholen.

00:10:46.960 --> 00:10:49.840 align:center line:-1
Die anderen kriegten sie nach Hause gebracht.

00:10:50.000 --> 00:10:54.280 align:center line:-2
Wir standen irgendwo vor diesem Amt,
ob es regnete oder schneite.

00:10:54.440 --> 00:10:57.000 align:center line:-1
Die ließen uns stehen, stundenlang,

00:10:57.520 --> 00:11:01.320 align:center line:-2
bis wir diese lächerlichen Lebensmittelkarten
bekamen.

00:11:01.480 --> 00:11:04.560 align:center line:-2
Otto Weidt wusste,
das reicht nicht zum Leben.

00:11:04.720 --> 00:11:09.400 align:center line:-2
Hier sind Menschen, die arbeiten.
Die müssen auch richtig zu essen kriegen.

00:11:09.560 --> 00:11:13.440 align:center line:-2
Da hat er versucht,
Kartoffeln und Brot und so was ranzuholen.

00:11:13.760 --> 00:11:18.680 align:center line:-2
Jedenfalls, er hat alles getan,
um uns zu helfen, materiell zu helfen.

00:11:19.480 --> 00:11:24.800 align:center line:-2
Aber wichtiger war eigentlich die Art
und Weise, wie er mit uns umgegangen ist.

00:11:24.960 --> 00:11:30.280 align:center line:-2
Denn draußen auf der Straße konnte
irgendjemand zu ihnen sagen: "Dreckjude".

00:11:30.440 --> 00:11:35.600 align:center line:-2
Denn wir hatten zu der Zeit ja schon
den Judenstern, der Judenstern war 1938,

00:11:35.920 --> 00:11:37.800 align:center line:-1
da bekamen wir den.

00:11:37.960 --> 00:11:41.000 align:center line:-1
Wir waren damit also gezeichnet, nicht wahr?

00:11:41.600 --> 00:11:46.000 align:center line:-2
Dementsprechend haben die Leute
sich uns gegenüber benommen.

00:11:46.520 --> 00:11:50.360 align:center line:-2
Und hier war eben alles anders,
das war das Entscheidende.

00:11:50.520 --> 00:11:55.640 align:center line:-2
Ich behaupte immer, er hat uns aufgerichtet,
innerlich aufgerichtet.

00:11:55.800 --> 00:11:59.680 align:center line:-2
Das ist ganz einfach so,
wenn man solche Sachen erlebt,

00:11:59.840 --> 00:12:06.000 align:center line:-2
dass die Menschen gegen einen sind,
dann duckt man sich so irgendwie, nicht?

00:12:06.160 --> 00:12:10.640 align:center line:-2
Obwohl man weiß, das ist alles Quatsch.
Aber trotzdem, man duckt sich.

00:12:10.800 --> 00:12:14.040 align:center line:-2
Ach, das ist so unerträglich.
Und hier kam man her.

00:12:14.200 --> 00:12:17.320 align:center line:-2
Hier war jemand,
der war freundlich, der half,

00:12:17.480 --> 00:12:20.880 align:center line:-2
der versuchte zu helfen,
und das war das Großartige.

00:12:21.040 --> 00:12:25.960 align:center line:-2
Ich würde sagen, wenn ich diese Erfahrung
mit Otto Weidt nicht gehabt hätte,

00:12:26.120 --> 00:12:30.400 align:center line:-2
hätte ich vielleicht die Illegalität
nicht so einfach überstanden,

00:12:30.560 --> 00:12:33.920 align:center line:-2
dass man das Selbstwertgefühl
wieder aufrichtet.

00:12:49.360 --> 00:12:52.560 align:center line:-1
Die Gestapo hatte das Recht,

00:12:53.040 --> 00:12:57.920 align:center line:-2
alle Werkstätten und Fabriken zu inspizieren,
wo Juden arbeiteten.

00:12:58.880 --> 00:13:01.760 align:center line:-1
Und die kamen auch natürlich.

00:13:02.080 --> 00:13:04.960 align:center line:-1
Otto Weidt führte sie durch die Räume.

00:13:05.520 --> 00:13:07.680 align:center line:-1
Das war auch der Trick von ihm.

00:13:07.840 --> 00:13:11.160 align:center line:-2
Er sprach dann
mit den jüdischen Arbeitern wie 'n Nazi.

00:13:11.320 --> 00:13:14.880 align:center line:-1
Er sagte: "Das soll 'n Handfeger sein?"

00:13:15.040 --> 00:13:17.040 align:center line:-1
"Schäm dich!" In dem Stil.

00:13:17.760 --> 00:13:22.360 align:center line:-2
Keiner der Juden hat sich gefuchst,
weil sie alle wussten, das ist Theater.

00:13:22.680 --> 00:13:26.600 align:center line:-2
Wir haben uns totgelacht,
und als dieser Nazi weggehen wollte,

00:13:26.760 --> 00:13:29.080 align:center line:-1
begeistert von dieser Führung,

00:13:29.240 --> 00:13:31.240 align:center line:-1
sagte Otto Weidt zu ihm:

00:13:31.400 --> 00:13:36.320 align:center line:-2
"Möchten Sie ein bisschen Parfum
für die gnädige Frau?"

00:13:37.840 --> 00:13:42.360 align:center line:-2
Der sagte natürlich: "Nein.
Ich bin im Dienst, darf ich nicht annehmen."

00:13:42.520 --> 00:13:46.560 align:center line:-2
Er nahm's natürlich nachher doch.
Manchmal war es nicht Parfum.

00:13:46.720 --> 00:13:49.840 align:center line:-2
Manchmal waren es
Seidenstrümpfe oder Cognac,

00:13:50.000 --> 00:13:53.960 align:center line:-2
was immer er für seine Besen
bei Wertheim bekommen hatte.

00:13:54.120 --> 00:13:58.880 align:center line:-2
Das war das Großartige.
Er hatte so etwas, womit er handeln konnte.

00:13:59.040 --> 00:14:04.240 align:center line:-2
Oder besser gesagt etwas,
womit man die Schweinehunde bestechen konnte.

00:14:04.400 --> 00:14:07.680 align:center line:-2
"Schweinehunde" hat man nicht gesagt.
Das sag ich.

00:14:14.800 --> 00:14:19.360 align:center line:-2
Es gab viele Sachen, die ich gemacht habe,
die ich nicht hätte machen dürfen.

00:14:19.520 --> 00:14:21.440 align:center line:-1
Es stimmt, was Sie sagen.

00:14:21.600 --> 00:14:25.760 align:center line:-2
Ich hab abends den Stern abgenommen
und bin ins Theater gegangen.

00:14:25.920 --> 00:14:31.560 align:center line:-2
Der Grund war: Wir mussten damals
in sogenannten Judenhäusern wohnen.

00:14:32.000 --> 00:14:36.840 align:center line:-2
Wir wurden aus normalen Häusern
rausgeschmissen, wo also Nicht-Juden wohnten,

00:14:37.000 --> 00:14:40.440 align:center line:-1
und wurden in Judenhäusern untergebracht.

00:14:40.600 --> 00:14:44.400 align:center line:-2
In den Judenhäusern
hatten immer zwei Personen ein Zimmer.

00:14:45.200 --> 00:14:51.720 align:center line:-2
Wir waren in einer Wohnung
von fünfeinhalb Zimmern elf Personen.

00:14:52.320 --> 00:14:55.000 align:center line:-1
Eine Küche, also auch ein Herd,

00:14:55.160 --> 00:14:57.920 align:center line:-1
und ein Badezimmer.

00:14:58.080 --> 00:15:02.240 align:center line:-2
Ihr könnt euch vielleicht vorstellen,
was sich da abgespielt hat.

00:15:02.560 --> 00:15:05.400 align:center line:-2
Gerade morgens,
wenn alle zur Arbeit mussten.

00:15:05.560 --> 00:15:09.560 align:center line:-2
Da standen sie Schlange
und bummerten an die Klotür: "Raus da!

00:15:09.720 --> 00:15:13.360 align:center line:-2
Wir müssen pünktlich sein,
sonst werden wir verhaftet!"

00:15:13.520 --> 00:15:17.560 align:center line:-2
Stimmte alles, ja?
Es war eine schreckliche Atmosphäre.

00:15:17.720 --> 00:15:22.720 align:center line:-2
Das Allerschlimmste von allem war,
und das versteht wohl jeder:

00:15:22.880 --> 00:15:24.920 align:center line:-1
Die Leute hatten Angst.

00:15:25.080 --> 00:15:29.000 align:center line:-2
Die Angst,
die war wie fühlbar in dieser Wohnung.

00:15:29.320 --> 00:15:33.680 align:center line:-2
Denn damals gab es schon Deportationen,
wo man die Leute wegschickte.

00:15:33.840 --> 00:15:38.560 align:center line:-2
Keiner wusste, wohin. Keiner wusste,
wer rankommt. Was sind die Gründe?

00:15:38.720 --> 00:15:42.280 align:center line:-2
Was passiert dort, wo sie sind?
Nichts hat man gewusst.

00:15:42.440 --> 00:15:45.200 align:center line:-1
Man hat wahnsinnige Angst davor gehabt.

00:15:45.360 --> 00:15:50.600 align:center line:-2
Dann war es ja so, dass man nicht wusste:
Wann komme ich ran, nicht?

00:15:50.760 --> 00:15:56.280 align:center line:-2
Bei anderen waren die Familien getrennt,
wie in unserem Fall.

00:15:56.440 --> 00:16:00.560 align:center line:-2
Mein Vater war in England, er konnte
im letzten Moment raus aus Deutschland,

00:16:00.880 --> 00:16:03.200 align:center line:-1
konnte uns nur nicht mitnehmen.

00:16:04.120 --> 00:16:06.400 align:center line:-1
So war es bei vielen Familien.

00:16:06.560 --> 00:16:11.480 align:center line:-2
Vor allen Dingen
hatten sie oftmals ihre Kinder weggegeben.

00:16:11.640 --> 00:16:15.240 align:center line:-2
Das heißt,
die Engländer haben im November 1938

00:16:15.480 --> 00:16:19.840 align:center line:-2
10.000, glaub ich,
jüdische Kinder aufgenommen. Ohne Eltern.

00:16:20.000 --> 00:16:23.680 align:center line:-2
Was ein Wahnsinn war.
Für die Kinder war das ganz schlimm.

00:16:23.840 --> 00:16:27.640 align:center line:-2
In ein fremdes Land
mit einer fremden Sprache und fremden Leuten.

00:16:27.800 --> 00:16:32.800 align:center line:-2
Und die haben sie dann irgendwie
in den Haushalt gesteckt oder was weiß ich.

00:16:33.120 --> 00:16:37.040 align:center line:-2
Das war wirklich ziemlich schlimm,
diese Situation damals.

00:16:37.200 --> 00:16:40.200 align:center line:-2
Könnt ihr euch vorstellen?
Die Mütter.

00:16:40.440 --> 00:16:45.240 align:center line:-2
Wo ist mein Kind? Hat es eine gute Unterkunft
bekommen? Lebt es überhaupt noch?

00:16:45.400 --> 00:16:49.200 align:center line:-2
Diese Gedanken
gingen solchen Frauen nicht aus dem Kopf.

00:16:49.520 --> 00:16:54.680 align:center line:-2
Und dann: Was soll überhaupt werden?
Die Angst: Was soll ich machen? Was wird?

00:16:54.840 --> 00:16:58.600 align:center line:-2
Die Angst war, ich sag mal,
zum Schneiden in dieser Wohnung.

00:16:58.760 --> 00:17:03.040 align:center line:-2
Ich hielt das nicht aus und sagte
zu meiner Mutter: "Ich geh ins Theater."

00:17:03.200 --> 00:17:08.520 align:center line:-2
Sie war außer sich, das war sehr gefährlich.
Theater, Kino, Café... Was gibt's noch?

00:17:08.680 --> 00:17:11.560 align:center line:-1
Museum, da durften wir nicht hingehen.

00:17:12.280 --> 00:17:14.400 align:center line:-1
Na ja, Moment.

00:17:14.560 --> 00:17:20.560 align:center line:-2
Ich habe dann also
meine Judensternjacke angezogen,

00:17:21.160 --> 00:17:24.440 align:center line:-2
hatte eine Tasche,
eine zweite Tasche in der Hand,

00:17:24.600 --> 00:17:27.560 align:center line:-1
in der war eine Jacke ohne Stern.

00:17:28.400 --> 00:17:32.560 align:center line:-2
Und ich bin dann so gegangen,
bis ich einen, das war ja immer abends,

00:17:32.720 --> 00:17:38.120 align:center line:-2
bis ich einen Hofeingang fand,
der dunkel war und offen natürlich.

00:17:38.280 --> 00:17:42.880 align:center line:-2
Dort habe ich mich umgezogen.
Das heißt, die andere Jacke angezogen.

00:17:43.040 --> 00:17:45.640 align:center line:-1
So bin ich dann ins Theater gegangen.

00:17:45.840 --> 00:17:49.920 align:center line:-2
Hätte mich jemand erkannt,
wäre es mir vielleicht übel ergangen.

00:17:50.080 --> 00:17:55.480 align:center line:-2
Aber es hat mich niemand erkannt
und das war natürlich ein großes Risiko.

00:17:55.960 --> 00:17:59.600 align:center line:-2
Aber es war derartig wichtig für mich.
Man lebte auf.

00:17:59.760 --> 00:18:04.120 align:center line:-2
Zwei Stunden war man raus
aus dieser entsetzlichen Angst-Atmosphäre.

00:18:04.280 --> 00:18:09.280 align:center line:-2
Man hörte schöne Musik
oder man sah ein schönes Theaterstück.

00:18:09.600 --> 00:18:12.720 align:center line:-2
So bin ich dann auch wieder
nach Hause gegangen.

00:18:12.880 --> 00:18:18.200 align:center line:-2
Irgendwo habe ich mich umgezogen, denn ich
musste mit dem Judenstern zu Hause ankommen.

00:18:18.360 --> 00:18:23.680 align:center line:-2
Hätte mich jemand aus dem Haus ohne Stern
gesehen, hätte das übel ausgehen können.

00:18:23.840 --> 00:18:27.120 align:center line:-2
Meine Mutter war dann
sehr begeistert von der Idee

00:18:27.280 --> 00:18:32.440 align:center line:-2
und ich bin bis heute sehr stolz darauf,
dass ich sie dazu bewegen konnte,

00:18:32.600 --> 00:18:36.160 align:center line:-2
nicht ins Theater,
aber in den Grunewald zu fahren.

00:18:36.320 --> 00:18:39.200 align:center line:-1
Es war uns verboten, ins Grüne zu fahren.

00:18:39.360 --> 00:18:43.120 align:center line:-2
Wir durften nicht über 'nen Platz gehen,
wo Büsche wuchsen.

00:18:43.280 --> 00:18:47.840 align:center line:-2
Also, was die sich ausgedacht haben...
Das waren natürlich Männer.

00:18:48.000 --> 00:18:52.240 align:center line:-2
Die hätte ich mir gern nach dem Krieg
vorgenommen, leider sind sie mir entgangen.

00:18:52.400 --> 00:18:56.720 align:center line:-2
Ich weiß nicht, wo die abgeblieben sind.
Wahrscheinlich waren sie noch in der Armee.

00:18:56.880 --> 00:19:01.600 align:center line:-2
Auf jeden Fall, so war das,
und so habe ich ein paar Stunden,

00:19:01.760 --> 00:19:07.520 align:center line:-2
wie soll ich sagen,
Freude und Ruhe und Entspannung gefunden.

00:19:20.240 --> 00:19:23.520 align:center line:-1
Da wurde man verhaftet und ins KZ gebracht.

00:19:23.680 --> 00:19:26.800 align:center line:-2
(Schüler) Sofort?
- Da war nichts gegen zu machen.

00:19:26.960 --> 00:19:31.040 align:center line:-2
Man hatte verstoßen gegen das Gesetz,
und das war's.

00:19:31.200 --> 00:19:33.000 align:center line:-1
(Lehrer) Nina.

00:19:37.200 --> 00:19:38.600 align:center line:-1
1933.

00:19:39.040 --> 00:19:44.760 align:center line:-2
1933 haben die Nazis
die ersten Konzentrationslager gebaut.

00:19:44.920 --> 00:19:49.360 align:center line:-2
Das erste war in Dachau.
Das stand sogar noch in der Zeitung.

00:19:49.520 --> 00:19:53.800 align:center line:-2
Da haben sie mitgeteilt,
dass sie so ein Lager erbaut haben,

00:19:54.120 --> 00:19:58.040 align:center line:-2
zur Umerziehung derer,
die also noch nicht Nazi waren.

00:19:58.200 --> 00:20:01.720 align:center line:-2
Und da wurden schon damals
schreckliche Dinge verübt.

00:20:01.880 --> 00:20:04.600 align:center line:-1
Menschen wurden entsetzlich misshandelt.

00:20:04.760 --> 00:20:08.240 align:center line:-2
Manche kamen wieder raus,
manche starben an Ort und Stelle

00:20:08.560 --> 00:20:13.280 align:center line:-2
oder hatten eine Auswanderungsmöglichkeit,
die akzeptiert wurde.

00:20:13.600 --> 00:20:16.280 align:center line:-1
Aber von da an, von 1933 an...

00:20:16.440 --> 00:20:20.760 align:center line:-2
Also, die Nachricht stammte,
glaub ich, aus dem Monat März oder so,

00:20:20.920 --> 00:20:23.480 align:center line:-1
dass dieses Lager erbaut worden ist.

00:20:23.640 --> 00:20:27.960 align:center line:-2
Also...
Von da an haben sie weitergebaut. Nicht?

00:20:35.880 --> 00:20:40.320 align:center line:-2
Wieso? Wie meinst du das?
- Na ja, ich mein...

00:20:40.480 --> 00:20:46.120 align:center line:-2
Also Angst und... Ja.
- Das mit der Angst ist so eine Sache.

00:20:46.280 --> 00:20:50.320 align:center line:-2
Ich behaupte, ich hatte keine.
Aber das stimmt natürlich nicht.

00:20:50.480 --> 00:20:56.000 align:center line:-2
Ich hatte Angst...
Ich hatte natürlich Angst von 1933 an.

00:20:56.160 --> 00:21:00.480 align:center line:-2
Immer um meinen Vater zu Anfang.
Mein Vater kämpfte gegen die Nazis.

00:21:00.640 --> 00:21:05.520 align:center line:-2
Er kam abends sehr spät von Versammlungen
und Demonstrationen gegen die Nazis zurück.

00:21:05.680 --> 00:21:08.520 align:center line:-2
Da lag ich im Bett und horchte,
ob er kommt,

00:21:08.680 --> 00:21:11.000 align:center line:-2
und horchte,
was viel schlimmer war,

00:21:11.160 --> 00:21:14.080 align:center line:-2
ob es Stiefel waren,
die die Treppen hochkamen.

00:21:14.240 --> 00:21:16.280 align:center line:-1
Dann waren es SA-Männer.

00:21:16.440 --> 00:21:20.120 align:center line:-2
Das heißt, von den Nazis diese Verbrecher,
also diese...

00:21:20.280 --> 00:21:24.520 align:center line:-2
Wie nennt man das? Soldaten oder so.
- (Lehrer) Wir wissen Bescheid.

00:21:24.680 --> 00:21:27.120 align:center line:-1
Von da an habe ich Angst gehabt.

00:21:27.280 --> 00:21:31.120 align:center line:-2
Obwohl, ich würde sagen,
diese Angst war dann unbewusst.

00:21:31.560 --> 00:21:36.600 align:center line:-2
Sie äußerte sich eigentlich dadurch,
so erkläre ich das jedenfalls immer,

00:21:36.920 --> 00:21:40.800 align:center line:-1
dass man sehr schnell reagierte.

00:21:40.960 --> 00:21:45.320 align:center line:-2
Also wenn irgendwas war,
und das ist heute noch so,

00:21:45.480 --> 00:21:48.600 align:center line:-2
habe ich schneller reagiert
als jeder andere.

00:21:48.760 --> 00:21:51.760 align:center line:-2
Die Angst,
die hat das produziert sozusagen.

00:21:51.920 --> 00:21:56.680 align:center line:-2
Ich weiß nicht, ob ich das richtig erkläre.
Also, so war das mit der Angst.

00:22:00.720 --> 00:22:05.360 align:center line:-2
Den zweiten Namen Sara hab ich tragen müssen.
Ingeborg Sara Deutschkron.

00:22:05.520 --> 00:22:09.920 align:center line:-2
So musste ich unterschreiben,
so musste ich mich vorstellen und so weiter.

00:22:10.240 --> 00:22:14.640 align:center line:-2
Ich hab immer gesagt,
ich trage das mit Stolz. Klar.

00:22:14.960 --> 00:22:18.360 align:center line:-2
Es hat ja Leute übrigens gegeben,
das ist sehr lustig...

00:22:18.520 --> 00:22:22.600 align:center line:-2
Als der Judenstern eingeführt wurde,
den man tragen musste,

00:22:22.760 --> 00:22:27.360 align:center line:-2
an dem äußersten Kleidungsstück,
"fest angenäht", das stand extra dran,

00:22:27.520 --> 00:22:31.440 align:center line:-2
da haben die Juden gesagt:
"Wunderbar, das ist also ein Orden.

00:22:31.600 --> 00:22:33.400 align:center line:-1
Der einzige Orden,

00:22:33.560 --> 00:22:37.600 align:center line:-2
den Hermann Göring, einer der größten Nazis,
nicht tragen konnte."

00:22:37.920 --> 00:22:40.800 align:center line:-1
(lacht) Der hatte ja jede Menge Orden.

00:22:40.960 --> 00:22:45.040 align:center line:-2
Das war sein großes Hobby.
Das war der einzige, den er nicht hatte.

00:22:45.200 --> 00:22:48.360 align:center line:-2
Da lachten die Juden damals.
- (Lehrer) Pia.

00:22:53.120 --> 00:22:55.880 align:center line:-1
Da würde ich zunächst einmal sagen:

00:22:56.040 --> 00:23:00.120 align:center line:-2
Bei uns gab es nichts über Judentum,
bevor die Nazis kamen, nicht?

00:23:00.280 --> 00:23:03.800 align:center line:-2
Bei uns gab es einen Weihnachtsbaum,
für mich als Kind.

00:23:03.960 --> 00:23:08.760 align:center line:-2
Außerdem Ostereier, die meine Mutter
immer versteckte und nicht wiederfand.

00:23:08.920 --> 00:23:11.120 align:center line:-2
Was?
- Das ist heute nicht anders.

00:23:11.280 --> 00:23:13.520 align:center line:-1
Ich weiß, ja. Und...

00:23:13.680 --> 00:23:18.240 align:center line:-2
Und es gab bei uns keine Feiertage,
keine jüdischen und gar nichts.

00:23:18.400 --> 00:23:23.000 align:center line:-2
Und das ging so weit,
dass im April 1933,

00:23:23.160 --> 00:23:28.720 align:center line:-2
als die Nazis schon im Sattel waren
und ich in eine Schule gehen musste,

00:23:28.880 --> 00:23:32.000 align:center line:-1
wo gesagt wurde, das Kind ist jüdisch,

00:23:32.160 --> 00:23:35.440 align:center line:-2
meine Mutter mir erklärte,
dass ich Jüdin bin.

00:23:36.320 --> 00:23:40.080 align:center line:-2
Zu mir sagte: "Mein Kind,
du gehörst jetzt zu einer Minderheit.

00:23:40.240 --> 00:23:44.320 align:center line:-2
Das bedeutet nicht, dass du schlechter bist
als alle anderen Kinder.

00:23:44.480 --> 00:23:50.440 align:center line:-2
Aber eins sage ich dir:
Lass dir nichts gefallen, wehr dich."

00:23:50.760 --> 00:23:55.920 align:center line:-2
Das tue ich heute noch, also dieser Satz
ist für mein Leben wichtig gewesen.

00:23:56.080 --> 00:24:00.600 align:center line:-2
Auf jeden Fall, von Stolz auf Judentum...
Wir waren einfach Menschen.

00:24:00.760 --> 00:24:05.080 align:center line:-2
Uns hat Religion nicht interessiert,
sie interessiert mich auch heute nicht.

00:24:05.400 --> 00:24:06.440 align:center line:-1
(Schülerin)

00:24:10.120 --> 00:24:14.800 align:center line:-2
Den Stern? Kopf hoch oder, sagen wir,
Nase hoch, was immer Sie wollen.

00:24:14.960 --> 00:24:19.800 align:center line:-2
Bei mir gab's das nicht anders.
Ich bin natürlich so gegangen, nicht? Stolz.

00:24:23.120 --> 00:24:28.440 align:center line:-2
Erst mal auf das Kleidungsstück,
das man eben immer trug.

00:24:28.760 --> 00:24:30.640 align:center line:-1
Außen trug, ja?

00:24:30.800 --> 00:24:33.640 align:center line:-1
In dem Fall, also im Winter, der Mantel.

00:24:33.960 --> 00:24:39.280 align:center line:-2
Der Wintermantel, und im Sommer
hat man es auf ein Sommerkleid genäht.

00:24:39.440 --> 00:24:41.440 align:center line:-1
Wir kriegten vier Stück.

00:24:41.840 --> 00:24:44.800 align:center line:-1
Jedes zehn Pfennig, weiß ich noch wie heute.

00:24:45.120 --> 00:24:50.240 align:center line:-2
Das haben wir immer umgenäht oder versucht,
noch eins zu bekommen,

00:24:50.400 --> 00:24:55.320 align:center line:-2
die Jüdische Gemeinde hatte ja Vorrat,
und dann haben wir es angenäht, nicht?

00:25:00.120 --> 00:25:02.400 align:center line:-1
Das ist doch selbstverständlich.

00:25:02.560 --> 00:25:06.560 align:center line:-2
Wir, meine Mutter und ich,
haben uns nach meinem Vater gesehnt,

00:25:06.720 --> 00:25:09.080 align:center line:-1
und vor allem gab es keine Post.

00:25:09.240 --> 00:25:13.240 align:center line:-2
Ihr müsst verstehen,
im Krieg gibt es keine Post.

00:25:13.400 --> 00:25:17.480 align:center line:-2
Und alles, was wir kriegten,
war einmal im Monat, glaube ich,

00:25:17.640 --> 00:25:21.640 align:center line:-2
einmal im Monat,
einen Rote-Kreuz-Brief.

00:25:21.800 --> 00:25:25.680 align:center line:-2
Das war so ein Papier,
da durfte man 25 Worte schreiben

00:25:25.840 --> 00:25:30.040 align:center line:-2
an den Angehörigen ersten Grades,
also an keinen anderen,

00:25:30.360 --> 00:25:33.560 align:center line:-2
und er antwortete mit 25 Worten
auf demselben Papier.

00:25:33.720 --> 00:25:36.560 align:center line:-2
Nachdem wir illegal waren,
ging das nicht mehr.

00:25:36.880 --> 00:25:39.520 align:center line:-1
Da wussten wir nicht: Lebt er noch?

00:25:39.680 --> 00:25:44.200 align:center line:-2
Hat er einen Bombenangriff überstanden?
Die Deutschen haben England auch bombardiert.

00:25:44.520 --> 00:25:49.400 align:center line:-2
Wie sich nachher herausstellte,
wurde sein Haus tatsächlich bombardiert.

00:25:49.560 --> 00:25:54.520 align:center line:-2
Also der hätte natürlich auch
darunter leiden können, unter dem Krieg.

00:25:54.840 --> 00:25:56.320 align:center line:-1
Frau Weber.

00:26:01.320 --> 00:26:05.560 align:center line:-2
Ich versuch's kurz zu machen,
sonst sind Sie morgen noch hier.

00:26:05.720 --> 00:26:09.120 align:center line:-1
Also, die Idee, sich zu verstecken,

00:26:09.280 --> 00:26:13.000 align:center line:-2
kam in unserem Fall
von einer ganz einfachen Frau,

00:26:13.160 --> 00:26:15.640 align:center line:-1
die unser Wäsche wusch.

00:26:15.800 --> 00:26:18.480 align:center line:-1
Die hatte einen Laden, eine Wäscherei.

00:26:18.640 --> 00:26:21.760 align:center line:-2
Wäscherei und Plätterei
nannte man das damals,

00:26:22.080 --> 00:26:24.800 align:center line:-1
oder Heißmangel, in der Knesebeckstraße.

00:26:24.960 --> 00:26:28.800 align:center line:-2
Diese Frau kam eines Tages an
und sagte zu meiner Mutter,

00:26:28.960 --> 00:26:31.360 align:center line:-1
das ist eine hübsche Geschichte:

00:26:31.520 --> 00:26:35.000 align:center line:-2
"Frau Deutschkron,
Sie müssen mir was versprechen."

00:26:35.160 --> 00:26:39.200 align:center line:-2
"Was soll ich Ihnen versprechen?"
"Sag ich Ihnen nicht."

00:26:39.640 --> 00:26:44.240 align:center line:-2
"Ich kann doch nicht was versprechen,
wo ich nicht weiß, was das ist."

00:26:44.400 --> 00:26:49.120 align:center line:-2
"Ja, das müssen Sie aber, könnte sein,
dass Sie es dann nicht versprechen."

00:26:50.280 --> 00:26:54.920 align:center line:-2
Meine Mutter sagte: "Ja, ich versprech's.
Was hab ich jetzt versprochen?"

00:26:55.080 --> 00:26:58.320 align:center line:-2
Dann sagte die Frau:
"Sie haben mir versprochen,

00:26:58.480 --> 00:27:01.760 align:center line:-2
dass Sie und Inge
sich nicht deportieren lassen."

00:27:02.240 --> 00:27:04.880 align:center line:-2
Meine Mutter:
"Ja, um Gottes willen."

00:27:05.040 --> 00:27:07.960 align:center line:-1
Damals gingen diese Deportationen schon,

00:27:08.120 --> 00:27:12.600 align:center line:-2
dass Leute nach dem Osten deportiert wurden,
kein Mensch wusste, wohin.

00:27:12.880 --> 00:27:17.200 align:center line:-2
Und meine Mutter sagte: "Was meinen Sie?
Was sollen wir denn machen?"

00:27:17.360 --> 00:27:21.840 align:center line:-2
Und die erzählte dann,
dass der Nachbarsjunge, ein deutscher Soldat,

00:27:22.000 --> 00:27:26.720 align:center line:-2
in Polen war und dort gesehen hat,
was sie mit den Juden machen.

00:27:26.880 --> 00:27:29.320 align:center line:-1
Da sagte meine Mutter: "Was denn?"

00:27:29.480 --> 00:27:34.360 align:center line:-2
Und dann fing die an zu erzählen
und zu sagen, sie ermorden sie alle,

00:27:34.520 --> 00:27:36.320 align:center line:-1
und fing an zu weinen.

00:27:36.560 --> 00:27:39.960 align:center line:-2
Und sagte dann:
"Bitte, Sie haben eben versprochen,

00:27:40.120 --> 00:27:42.880 align:center line:-1
dass Sie sich nicht deportieren lassen.

00:27:43.040 --> 00:27:46.960 align:center line:-2
Mein Mann und ich haben schon beschlossen,
Sie kommen zu uns."

00:27:47.120 --> 00:27:50.240 align:center line:-2
Das war das Erste,
und dann dachte meine Mutter:

00:27:50.400 --> 00:27:53.960 align:center line:-2
So einfach ist das ja auch nicht,
sich verstecken.

00:27:54.120 --> 00:27:59.200 align:center line:-2
Wir gingen dann
zu einem der ältesten Freunde meines Vaters,

00:27:59.360 --> 00:28:03.320 align:center line:-2
der einmal Bezirksbürgermeister
hier im Prenzlauer Berg war,

00:28:03.480 --> 00:28:06.400 align:center line:-2
und sagten:
"Das ist die Idee von dieser Frau."

00:28:06.560 --> 00:28:10.360 align:center line:-2
Der sprang auf, was ich nie erwartet hätte:
"Eine glänzende Idee!

00:28:10.520 --> 00:28:14.400 align:center line:-2
Das machen wir mit und ich kenne andere,
die auch mitmachen werden."

00:28:14.560 --> 00:28:18.000 align:center line:-2
Da sagte meine Mutter dann wirklich:
"Okay."

00:28:18.320 --> 00:28:21.360 align:center line:-2
"Okay" hat sie nicht gesagt,
das gab's noch nicht.

00:28:21.680 --> 00:28:25.720 align:center line:-2
Na ja, also: "Das machen wir."
Dann haben wir alles vorbereitet.

00:28:25.880 --> 00:28:30.000 align:center line:-2
Otto Weidt ließ unsere Sachen abholen,
soweit wir sie aufheben wollten.

00:28:30.320 --> 00:28:34.200 align:center line:-2
Wir versuchten, möglichst wenig
in die Illegalität mitzunehmen.

00:28:34.520 --> 00:28:37.880 align:center line:-2
Denn man wusste ja nicht,
wie viel Platz man da hat.

00:28:38.040 --> 00:28:42.120 align:center line:-2
Wie geht das überhaupt?
Wir sind ja in diese Illegalität gegangen,

00:28:42.280 --> 00:28:45.040 align:center line:-2
ohne überhaupt zu ahnen,
wie das sein wird,

00:28:45.200 --> 00:28:49.080 align:center line:-2
wie lange es sein wird,
das war ja eine der wichtigsten Fragen,

00:28:49.240 --> 00:28:53.160 align:center line:-2
und wie man sich ernähren wird,
Lebensmittelkarten hatte man ja nicht.

00:28:53.320 --> 00:28:55.640 align:center line:-1
Das war schon ganz schön schwierig.

00:28:55.800 --> 00:28:59.960 align:center line:-2
Und vor allen Dingen:
Kann man bei einem Menschen bleiben?

00:29:00.120 --> 00:29:04.000 align:center line:-2
Das ging natürlich nicht.
Das stellte sich sehr bald heraus.

00:29:04.160 --> 00:29:08.280 align:center line:-2
Da kam 'ne Nachbarin und sagte:
"Ach, Sie haben Besuch. Wer ist das?"

00:29:08.440 --> 00:29:10.720 align:center line:-1
Berliner sind sehr neugierig.

00:29:11.040 --> 00:29:16.000 align:center line:-2
Dann sagte Frau Gumz:
"Das sind Verwandte von mir aus Pommern."

00:29:16.320 --> 00:29:21.320 align:center line:-2
Da sagte Frau Gumz zu uns, diese Wäschefrau:
"Ach, ihr müsst hier weg.

00:29:21.480 --> 00:29:26.640 align:center line:-2
Wer weiß, der Mann ist in der NSDAP,
also in der Nazipartei, ihr müsst hier weg."

00:29:26.800 --> 00:29:30.600 align:center line:-2
Und so ging es uns viele Male,
dass irgendwas passierte,

00:29:30.760 --> 00:29:34.320 align:center line:-2
dass irgendwann die Leute sagten:
"Ihr müsst hier weg."

00:29:34.480 --> 00:29:37.440 align:center line:-2
Das ging meistens
von einem Moment zum nächsten.

00:29:37.600 --> 00:29:41.080 align:center line:-2
Sehr oft wussten wir morgens nicht,
wo wir abends schlafen.

00:29:41.400 --> 00:29:46.960 align:center line:-2
Die Frauen waren viel aktiver dabei,
also beim Verstecken und Helfenwollen.

00:29:47.120 --> 00:29:50.200 align:center line:-2
Erst mal waren sehr viele Männer
an der Front.

00:29:50.360 --> 00:29:56.480 align:center line:-2
Aber es waren 70 Prozent Frauen,
die geholfen haben, und das ist schon was.

00:29:56.640 --> 00:30:00.080 align:center line:-2
Jedenfalls, die beschlossen:
"Kommt erst mal her."

00:30:00.240 --> 00:30:02.800 align:center line:-1
Wir haben eine Nacht auf der Erde geschlafen,

00:30:03.120 --> 00:30:06.280 align:center line:-2
bis jemand sagte:
"Ihr geht heute Abend zu dem und dem."

00:30:06.600 --> 00:30:08.800 align:center line:-1
Und so ging das weiter.

00:30:08.960 --> 00:30:15.720 align:center line:-2
Ich glaube, mich nicht zu irren, dass wir
in elf verschiedenen Unterkünften waren,

00:30:16.040 --> 00:30:18.560 align:center line:-1
wobei die günstigste die letzte war.

00:30:18.880 --> 00:30:21.960 align:center line:-2
Das war
ein ehemaliger Ziegenstall in Potsdam.

00:30:22.120 --> 00:30:26.240 align:center line:-2
Der war insofern so wunderbar,
weil er nicht bewohnbar war.

00:30:26.560 --> 00:30:31.640 align:center line:-2
Er konnte also nicht in einer Liste
des Wohnungsamtes genannt werden.

00:30:31.840 --> 00:30:37.320 align:center line:-2
Er hatte allerdings kein Klo
und auch keine Heizung.

00:30:37.480 --> 00:30:41.920 align:center line:-2
Es war im Winter, ich möchte es
nicht schildern, schrecklich, nicht?

00:30:42.080 --> 00:30:47.680 align:center line:-2
Und der Kochherd war aus Ziegelsteinen,
der gab keine Hitze ab. Nicht?

00:30:48.000 --> 00:30:53.080 align:center line:-2
Kochen konnte man nur mit trockenem Holz.
Was ich alles gelernt habe in Potsdam.

00:30:53.400 --> 00:30:57.680 align:center line:-2
Dann Pilze gesammelt. Das war das Beste,
was Potsdam zu bieten hatte.

00:30:57.840 --> 00:31:01.520 align:center line:-2
Nicht? Pilze.
Und die haben auch Nährwert.

00:31:01.680 --> 00:31:06.480 align:center line:-2
Wir haben Pilze gegessen in jeder Form.
Aber die gibt es ja leider nur im Herbst.

00:31:06.640 --> 00:31:10.800 align:center line:-2
Das war der Ziegenstall
und vor allem waren wir eben nicht bekannt.

00:31:10.960 --> 00:31:13.640 align:center line:-1
Wir waren in dieser Siedlung

00:31:13.800 --> 00:31:19.720 align:center line:-2
von Freunden von uns als ausgebombte
Berlinerinnen bekannt gemacht worden.

00:31:19.880 --> 00:31:24.480 align:center line:-2
Meine Mutter als Frau Richter,
ich als Inge Elisabeth Marie Richter.

00:31:24.720 --> 00:31:28.640 align:center line:-2
Und die Leute brachten uns Möbel,
damit wir schlafen können,

00:31:28.800 --> 00:31:30.800 align:center line:-1
und einen Schrank und so.

00:31:31.120 --> 00:31:36.360 align:center line:-2
Sie haben den Richters sehr geholfen,
ohne zu wissen, wer die wirklich sind.

00:31:36.520 --> 00:31:40.920 align:center line:-2
Und wir sind jeden Tag,
jeden Morgen um sieben nach Berlin gefahren,

00:31:41.240 --> 00:31:43.800 align:center line:-2
da wir gesagt hatten,
wir haben hier Arbeit.

00:31:44.120 --> 00:31:48.880 align:center line:-2
Und dann kamen wir nachmittags wieder
und gingen in unseren Ziegenstall.

00:31:49.040 --> 00:31:54.200 align:center line:-2
Das war herrlich.
Den gibt's übrigens noch, ist zu besichtigen.

00:32:04.000 --> 00:32:08.000 align:center line:-2
Die meisten sagten natürlich:
"Ich? Ich war niemals Nazi."

00:32:08.160 --> 00:32:13.400 align:center line:-2
Dann sagten sie: "Ich war in der Partei,
aber nur, um das Schlimmste zu verhüten."

00:32:13.560 --> 00:32:18.160 align:center line:-2
Oder andere sagten, um der Karriere willen.
Solche Antworten kriegte man.

00:32:18.480 --> 00:32:20.280 align:center line:-1
"Nazi war ich nicht."

00:32:20.440 --> 00:32:23.800 align:center line:-2
Das war merkwürdig.
Ich habe immer aus Witz gesagt:

00:32:24.120 --> 00:32:28.720 align:center line:-2
"Ich habe den Eindruck,
die NSDAP war eine Widerstandspartei."

00:32:28.880 --> 00:32:33.120 align:center line:-2
Nach dem, was für Reaktionen
ich bekommen habe, so war das damals.

00:32:33.280 --> 00:32:36.920 align:center line:-2
Aber ihr müsst euch das anders vorstellen:
Nach dem Krieg

00:32:37.080 --> 00:32:40.760 align:center line:-1
waren im Wesentlichen Frauen in Berlin.

00:32:40.920 --> 00:32:46.840 align:center line:-2
Die Männer waren zum großen Teil noch
an der Front oder in Kriegsgefangenenlagern.

00:32:47.160 --> 00:32:50.280 align:center line:-2
Sehr oft hatten die Frauen,
auch mit Kindern,

00:32:50.440 --> 00:32:55.160 align:center line:-2
keine oder eine beschädigte Wohnung,
und zwar meistens oben, vierter Stock.

00:32:55.480 --> 00:32:59.960 align:center line:-2
Der brannte ja zunächst,
also bei Angriffen.

00:33:00.120 --> 00:33:05.880 align:center line:-2
Das nannte man dann "Sperlingslust",
diese Wohnungen im vierten Stock.

00:33:06.040 --> 00:33:11.520 align:center line:-2
Und da haben die Frauen
sich tatsächlich Bauutensilien geholt

00:33:11.680 --> 00:33:14.040 align:center line:-1
von anderen kaputten Häusern.

00:33:14.200 --> 00:33:18.520 align:center line:-2
Auf dem Leiterwagen
schleppten sie Holzlatten an,

00:33:18.680 --> 00:33:20.960 align:center line:-1
was sie so kriegen konnten,

00:33:21.120 --> 00:33:25.800 align:center line:-2
und haben selber da oben versucht,
wieder was zu bauen, wo sie leben konnten.

00:33:25.960 --> 00:33:28.400 align:center line:-1
Und vor allem Lebensmittel.

00:33:28.560 --> 00:33:32.680 align:center line:-2
Es gab ja nichts zu essen,
die Russen haben uns nicht gerade gefüttert.

00:33:32.840 --> 00:33:37.280 align:center line:-2
Es bedeutete wirklich, die Frauen
haben gearbeitet wie die Wahnsinnigen.

00:33:37.440 --> 00:33:40.320 align:center line:-1
Und da über Politik nachzudenken,

00:33:40.480 --> 00:33:43.520 align:center line:-2
das war natürlich klar,
das passierte nicht.

00:33:43.680 --> 00:33:46.560 align:center line:-2
Oder so gut wie gar nicht,
kann man sagen.

00:33:46.880 --> 00:33:47.920 align:center line:-1
(Schülerin)

00:33:50.840 --> 00:33:54.040 align:center line:-2
Nee.
Ich habe das mit der Angst vorhin erklärt.

00:33:54.200 --> 00:33:57.320 align:center line:-2
Das war zum großen Teil nicht bewusst,
diese Angst.

00:33:57.480 --> 00:34:03.120 align:center line:-2
Aber wir waren ständig in Gefahr,
erwischt zu werden.

00:34:03.280 --> 00:34:05.920 align:center line:-1
Alle möglichen Sachen sind passiert.

00:34:06.080 --> 00:34:11.560 align:center line:-2
Ich kenne Illegale,
die sind von Spitzeln erkannt worden,

00:34:11.880 --> 00:34:15.000 align:center line:-2
wurden verhaftet
und ins KZ gebracht und so.

00:34:15.160 --> 00:34:18.160 align:center line:-1
Andere sind erschossen worden.

00:34:18.320 --> 00:34:21.400 align:center line:-1
Andere sind auch durch die Bomben umgekommen.

00:34:21.560 --> 00:34:25.080 align:center line:-2
Also es gab genug Gründe,
Angst zu haben,

00:34:25.240 --> 00:34:28.280 align:center line:-1
aber das war schon fast selbstverständlich.

00:34:34.760 --> 00:34:37.040 align:center line:-2
(lachend) Nein.
- (Lachen)

00:34:37.200 --> 00:34:39.480 align:center line:-1
Also, ich erinnere mich daran,

00:34:39.640 --> 00:34:42.920 align:center line:-1
dass ich nach dieser Versammlung,

00:34:43.240 --> 00:34:48.480 align:center line:-2
da habe ich mir hinterher in der Bahn
tatsächlich die Ohren von anderen angeguckt.

00:34:48.640 --> 00:34:53.920 align:center line:-2
Aber ich habe keinen Unterschied gesehen.
Das hatte sich dann sehr schnell erledigt.

00:34:54.240 --> 00:34:55.640 align:center line:-1
(Schülerin)

00:35:02.240 --> 00:35:05.360 align:center line:-1
Nee. Was hatte das für einen Sinn?

00:35:05.520 --> 00:35:09.560 align:center line:-2
Ich sagte mir, das ist mein Schicksal,
das muss ich akzeptieren.

00:35:09.880 --> 00:35:13.520 align:center line:-2
Meine Mutter und mein Vater sind es auch.
Also gut, das ist es.

00:35:13.680 --> 00:35:17.040 align:center line:-2
Wir sind keine schlechteren Menschen
als die anderen.

00:35:17.360 --> 00:35:21.360 align:center line:-2
Es gibt unter uns schlechte Menschen
wie bei euch auch.

00:35:21.680 --> 00:35:25.280 align:center line:-2
Alles dasselbe. Also...
Das nützt doch auch gar nichts.

00:35:25.600 --> 00:35:29.000 align:center line:-2
Ich soll mir wünschen, was anderes zu sein?
Was denn?

00:35:29.320 --> 00:35:30.720 align:center line:-1
Sophie.

00:35:36.880 --> 00:35:41.520 align:center line:-2
Ich habe die ganze Zeit gearbeitet.
Einen Teil habe ich hier noch gearbeitet,

00:35:41.680 --> 00:35:45.960 align:center line:-2
solange Otto Weidt
das aufrechterhalten konnte.

00:35:46.120 --> 00:35:49.440 align:center line:-2
Die meisten seiner Leute
wurden abtransportiert.

00:35:49.600 --> 00:35:53.200 align:center line:-2
Die Geschichte kennst du ja.
Die meisten kamen dann ins KZ.

00:35:53.520 --> 00:35:56.960 align:center line:-2
Da hatte er nicht mehr
genug Arbeit für mich und sagte:

00:35:57.120 --> 00:36:02.400 align:center line:-2
"Du kannst bleiben, aber wenn du was findest,
dann geh und nimm das an."

00:36:02.560 --> 00:36:07.040 align:center line:-2
Und ich hatte eine Freundin,
die Frau von diesem Bezirksbürgermeister,

00:36:07.200 --> 00:36:10.080 align:center line:-1
die hatte einen Papierladen in Halensee.

00:36:10.240 --> 00:36:15.440 align:center line:-2
Und die sagte zu mir: "Du, weißt du,
du kannst mir helfen im Laden."

00:36:15.760 --> 00:36:18.760 align:center line:-2
Sag ich:
"Bist du verrückt geworden?

00:36:18.920 --> 00:36:24.480 align:center line:-2
Ich soll da als geflitzte oder illegale Jüdin
vor Leuten stehen und mit denen reden?"

00:36:24.640 --> 00:36:27.120 align:center line:-1
"Na ja, warum denn nicht?

00:36:27.280 --> 00:36:32.400 align:center line:-2
Keiner weiß, wer du bist.
Du bist meine Freundin Inge, und das ist es."

00:36:33.240 --> 00:36:36.320 align:center line:-2
Zuerst war mir das sehr fraglich,
ob das geht.

00:36:36.480 --> 00:36:40.400 align:center line:-2
Sie sagte: "Bleib erst mal hier."
Anfangs hat sie mir geholfen.

00:36:40.720 --> 00:36:44.800 align:center line:-2
Ich musste ja auch die Preise wissen,
und da gab es eine Leihbücherei,

00:36:44.960 --> 00:36:48.040 align:center line:-2
was in den Büchern steht,
wenn ich die empfehle.

00:36:48.200 --> 00:36:53.600 align:center line:-2
Eines Tages hat sie dann gesagt:
"So, ich gehe jetzt aus Berlin weg."

00:36:53.920 --> 00:36:58.320 align:center line:-2
Und da kam sie nur in der Woche einmal,
um das Geld abzuholen, auf Deutsch.

00:36:58.480 --> 00:37:03.320 align:center line:-2
Ich hatte mich inzwischen völlig etabliert.
Ich habe gekauft, also eingekauft,

00:37:03.480 --> 00:37:09.920 align:center line:-2
was man so einkaufen nennt, bei Großhändlern,
und habe verkauft und Leihbücher ausgegeben.

00:37:10.080 --> 00:37:15.920 align:center line:-2
Kein Mensch hat gewusst, wer ich bin.
Ich war Fräulein Inge. Das war wunderbar da.

00:37:16.080 --> 00:37:22.240 align:center line:-2
Denn ich hatte ja Kollegen,
also die Milchfrau nebenan

00:37:22.400 --> 00:37:25.680 align:center line:-2
und die Grünkramläden und so,
und ich sagte immer:

00:37:26.000 --> 00:37:29.840 align:center line:-2
"Kinder, ich bin allein hier.
Könnt ihr mir nicht was bringen?"

00:37:30.000 --> 00:37:33.920 align:center line:-2
Und dann brachten sie mir
Milch, Gemüse und so was.

00:37:34.080 --> 00:37:38.600 align:center line:-2
Sie haben nie eine Lebensmittelmarke
von mir gesehen, ich hatte ja keine.

00:37:38.760 --> 00:37:43.840 align:center line:-2
Da haben sie mir das einfach so gebracht.
Also der Laden war wahnsinnig wichtig.

00:37:44.000 --> 00:37:46.880 align:center line:-1
Aber zum Schluss musste ich doch noch raus.

00:37:47.200 --> 00:37:48.600 align:center line:-1
(Schüler)

00:37:53.480 --> 00:37:58.080 align:center line:-2
Es kam hier eine Karte an, die könnt ihr
hier in der Kartenausstellung sehen.

00:37:58.240 --> 00:38:01.880 align:center line:-2
Diese Karten sind alle aus Theresienstadt
von Leuten,

00:38:02.040 --> 00:38:05.320 align:center line:-1
die sich bedanken für Lebensmittelpakete,

00:38:05.640 --> 00:38:08.320 align:center line:-1
die Otto Weidt ihnen geschickt hat.

00:38:08.640 --> 00:38:12.000 align:center line:-2
Das war möglich
und ich rege mich immer darüber auf,

00:38:12.160 --> 00:38:15.920 align:center line:-2
dass Otto Weidt der einzige Deutsche war,
der das getan hat.

00:38:16.080 --> 00:38:20.920 align:center line:-2
Er hat jeden Monat seinen Leuten
im KZ Theresienstadt Pakete geschickt.

00:38:21.080 --> 00:38:25.240 align:center line:-2
Da war drin: Trockenbrot,
Trockengemüse und Trocken-sonst-was,

00:38:25.400 --> 00:38:27.440 align:center line:-1
was man essen konnte.

00:38:27.760 --> 00:38:33.480 align:center line:-2
Die Menschen waren wahnsinnig dankbar dafür
und bestätigten das mit den Postkarten.

00:38:33.640 --> 00:38:38.200 align:center line:-2
Einige gaben vielleicht Rätsel auf,
aber sie erklärten auch,

00:38:38.360 --> 00:38:42.640 align:center line:-2
wie nötig sie es brauchten.
Zum Beispiel auf einer der Karten steht:

00:38:42.800 --> 00:38:46.960 align:center line:-2
"An Otto Weidt,
Kartoffelgroßhandel Rosenthaler Straße".

00:38:47.120 --> 00:38:50.240 align:center line:-2
Warum Kartoffelgroßhandel?
Versteht ihr das?

00:38:50.400 --> 00:38:54.000 align:center line:-2
Weil sie Kartoffeln brauchten
in Theresienstadt.

00:38:54.320 --> 00:38:57.240 align:center line:-1
Oder bei jemand anders war:

00:38:57.400 --> 00:39:01.160 align:center line:-1
"Grüß mir meine Freunde, die Wittlers."

00:39:02.000 --> 00:39:06.560 align:center line:-2
Wer weiß, wer Wittler ist?
Wir haben hier gesessen und ich kam dazu.

00:39:06.720 --> 00:39:09.960 align:center line:-2
Ich sagte:
"Wittler? Das wissen nur alte Leute."

00:39:10.280 --> 00:39:14.560 align:center line:-2
Wittler war der größte Brotproduzent Berlins
zu jener Zeit.

00:39:14.880 --> 00:39:20.120 align:center line:-2
So versuchten sie klarzumachen, was sie
brauchten, und Otto Weidt hat es geschickt.

00:39:20.280 --> 00:39:25.800 align:center line:-2
Der hat 150 Pakete dieser Art
in der Zeit nach Theresienstadt geschickt.

00:39:25.960 --> 00:39:29.400 align:center line:-2
Das ist doch großartig.
Was war eigentlich die Frage?

00:39:29.720 --> 00:39:32.600 align:center line:-2
(Lehrer) Wie Alice geflohen ist.
- Entschuldigung.

00:39:32.920 --> 00:39:35.920 align:center line:-1
Eines Tages kam eine Karte anderer Art.

00:39:36.360 --> 00:39:41.680 align:center line:-2
Diese Karte, die ihr auch im Museum
sehen könnt, enthielt Folgendes:

00:39:41.840 --> 00:39:45.440 align:center line:-2
"Wir sind von Theresienstadt
in einen Zug gesetzt worden,

00:39:45.600 --> 00:39:52.120 align:center line:-2
der uns nach Birkenau bringt."
Aber Birkenau war ein Teil von Auschwitz.

00:39:52.280 --> 00:39:54.560 align:center line:-1
"Macht euch keine Sorgen."

00:39:54.720 --> 00:39:57.880 align:center line:-2
Otto Weidt sprang hoch:
"Um Gottes willen!

00:39:58.040 --> 00:40:03.320 align:center line:-2
Ich kann sie nicht umkommen lassen.
Sie ist in Auschwitz. Ich fahre dahin."

00:40:03.480 --> 00:40:08.560 align:center line:-2
Ich sagte zu ihm: "Sie sind verrückt."
Und er: "Was? Ich fahre dahin."

00:40:08.720 --> 00:40:13.680 align:center line:-2
Er hat also an die Leiter des KZ
einen Brief geschrieben,

00:40:13.840 --> 00:40:16.480 align:center line:-1
den finden Sie auch hier im Museum,

00:40:16.640 --> 00:40:22.120 align:center line:-2
dass er eben Besen und Bürsten hätte
und Produzent wäre

00:40:22.280 --> 00:40:27.200 align:center line:-2
und dass er die Wehrmacht damit beliefere
und noch andere Lager,

00:40:27.520 --> 00:40:29.920 align:center line:-1
das stimmte nicht, aber egal,

00:40:30.080 --> 00:40:34.680 align:center line:-2
und dass er nach Auschwitz kommen möchte,
um seine Produktion anzubieten.

00:40:34.840 --> 00:40:37.480 align:center line:-1
Er möchte auch Auschwitz beliefern.

00:40:38.280 --> 00:40:42.960 align:center line:-2
(lacht) Der Mann ist tatsächlich hingefahren.
Er gab auch ein Datum an.

00:40:43.120 --> 00:40:46.600 align:center line:-2
Er kam dahin
und wurde natürlich nicht reingelassen.

00:40:46.760 --> 00:40:52.080 align:center line:-2
Das war sehr traurig und jetzt kommt etwas,
was ich nicht erklären kann.

00:40:52.400 --> 00:40:56.920 align:center line:-2
Er hat dann irgendwann erfahren,
dass seine Alice in einem anderen KZ ist,

00:40:57.080 --> 00:41:02.280 align:center line:-2
nämlich in Christianstadt,
und da waren nur Frauen und so.

00:41:02.440 --> 00:41:04.480 align:center line:-1
Da ist er auch hingefahren

00:41:04.800 --> 00:41:08.560 align:center line:-2
und hat das erreicht,
was er in Auschwitz nicht erreicht hat.

00:41:09.120 --> 00:41:11.560 align:center line:-1
Da war ein Arbeiter,

00:41:11.720 --> 00:41:15.800 align:center line:-2
der hatte irgendwelche Reparaturen
auszuführen im KZ.

00:41:16.200 --> 00:41:19.400 align:center line:-2
Den hat er angesprochen,
ob er ihm helfen könnte,

00:41:19.560 --> 00:41:22.440 align:center line:-1
und hat ihm ein Foto von der Alice gezeigt.

00:41:22.600 --> 00:41:24.760 align:center line:-1
"Suchen Sie mir diese Frau."

00:41:24.920 --> 00:41:26.960 align:center line:-1
Das war ein Pole.

00:41:27.120 --> 00:41:31.720 align:center line:-2
Und dieser Pole hat tatsächlich auch
die Alice im Lager gefunden.

00:41:32.640 --> 00:41:36.680 align:center line:-2
Und von da an
hat Otto Weidt erst mal Medikamente

00:41:36.840 --> 00:41:41.520 align:center line:-2
und alle möglichen Stärkungsmittel
durch diesen Mann ins Lager geschickt,

00:41:41.680 --> 00:41:45.440 align:center line:-2
den er natürlich auch bestochen hat,
aber mit Geld, ist klar.

00:41:45.800 --> 00:41:48.120 align:center line:-1
Eines Tages teilte er ihr mit:

00:41:48.280 --> 00:41:54.560 align:center line:-2
"Ich habe in diesem nahen Ort
ein Zimmer gemietet, in Christianstadt.

00:41:54.720 --> 00:41:58.560 align:center line:-2
Da liegt Kleidung für dich
und Geld für dich.

00:41:58.720 --> 00:42:02.160 align:center line:-2
Versuche zu fliehen
und komm zurück nach Berlin."

00:42:03.280 --> 00:42:05.400 align:center line:-1
Und das ist auch so gekommen.

00:42:05.920 --> 00:42:11.560 align:center line:-2
Eines Tages haben die Deutschen gemerkt,
der Krieg geht nicht zu ihren Gunsten aus.

00:42:11.720 --> 00:42:17.000 align:center line:-2
Sie wollten wohl auch nicht, dass die Russen,
die ja nun immer mehr nach Westen strömten,

00:42:17.160 --> 00:42:21.320 align:center line:-2
dass die sehen, was sie angerichtet
und mit den Menschen gemacht haben.

00:42:21.480 --> 00:42:25.560 align:center line:-1
Und da haben sie also alle Lager geräumt,

00:42:25.720 --> 00:42:28.240 align:center line:-1
wo noch lebendige Menschen waren,

00:42:28.400 --> 00:42:32.760 align:center line:-2
und haben die nach Westen geschickt,
in andere Konzentrationslager.

00:42:32.920 --> 00:42:35.800 align:center line:-1
Bei der Gelegenheit konnte Alice fliehen.

00:42:35.960 --> 00:42:40.880 align:center line:-2
Sie ist in diese Wohnung, hat sich umgezogen
und ist dann hier wieder angekommen.

00:42:41.040 --> 00:42:42.960 align:center line:-1
Und nun kommt etwas dazu.

00:42:43.120 --> 00:42:45.680 align:center line:-1
Er hat sie wieder verstecken müssen.

00:42:45.840 --> 00:42:49.560 align:center line:-2
Denn die Nazis,
man kann es nicht glauben,

00:42:49.720 --> 00:42:57.360 align:center line:-2
haben noch bis Ende März 1945 Juden gejagt,
hier in Berlin, vor allen Dingen Illegale.

00:42:57.680 --> 00:43:00.960 align:center line:-2
Sechs Wochen,
bevor der Krieg zu Ende war. Nicht?

00:43:01.120 --> 00:43:06.400 align:center line:-2
Selbst die Nazis haben doch gesehen,
das geht schief, nicht wahr?

00:43:06.920 --> 00:43:11.200 align:center line:-2
Und dann verhaften sie
noch diese Menschen, nicht?

00:43:11.360 --> 00:43:16.760 align:center line:-2
Da hat er sie hier irgendwo versteckt.
So hat sie dann überlebt.

00:43:17.080 --> 00:43:18.480 align:center line:-1
(Schülerin)

00:43:30.760 --> 00:43:33.640 align:center line:-2
Ganz einfach, in Israel.
- (Schülerin) Ja.

00:43:33.800 --> 00:43:37.760 align:center line:-2
Die Menschen dort haben noch etwas
von der alten Solidarität,

00:43:37.920 --> 00:43:43.560 align:center line:-2
die ich gewöhnt war
von der Behandlung als Illegale.

00:43:43.920 --> 00:43:48.920 align:center line:-2
Was sie geleistet haben in diesem Staat,
ist unbeschreiblich, das ist großartig.

00:43:49.080 --> 00:43:53.240 align:center line:-2
Die Hilfsbereitschaft,
das ist ja Solidarität, mir gegenüber...

00:43:53.400 --> 00:43:57.320 align:center line:-2
Ich kam ja ziemlich spät,
ich kam ja erst 1972 nach Israel

00:43:57.480 --> 00:44:00.240 align:center line:-2
und sprach kein Hebräisch,
man bedenke.

00:44:00.400 --> 00:44:03.840 align:center line:-2
Sie haben mir so geholfen dabei,
dort leben zu können,

00:44:04.000 --> 00:44:06.440 align:center line:-1
und ich bin sehr gern dort gewesen.

00:44:06.600 --> 00:44:08.960 align:center line:-1
Berlin hat für mich eine Attraktion.

00:44:09.120 --> 00:44:13.360 align:center line:-2
Erstens ist es die einzige Sprache,
die ich richtig kann, Berlinisch.

00:44:13.520 --> 00:44:15.840 align:center line:-1
Außerdem die Kultur von Berlin,

00:44:16.000 --> 00:44:19.720 align:center line:-2
die Atmosphäre,
ich bin so frech wie die anderen Berliner.

00:44:19.880 --> 00:44:22.160 align:center line:-2
Stimmt doch, ja?
- (Lachen)

00:44:22.320 --> 00:44:26.960 align:center line:-2
Und das macht es natürlich auch,
dass ich auch hier sein kann.

00:44:27.120 --> 00:44:31.880 align:center line:-2
Aber hier gibt es immer noch dieses Gefühl,
es kann wieder was passieren.

00:44:32.040 --> 00:44:36.920 align:center line:-2
Ich erleb's doch jetzt. Nicht?
Das ist die Antwort, die ich dazu habe.

00:44:44.440 --> 00:44:49.680 align:center line:-2
Ja, das war auch ein schrecklicher Tag.
Erstens mal hat die Gestapo damals,

00:44:49.840 --> 00:44:54.720 align:center line:-2
ich weiß nicht wie viele Tausende
jüdische Männer abgeholt und ins KZ gebracht.

00:44:54.880 --> 00:44:59.040 align:center line:-2
Sie kamen auch zu uns.
Mein Vater war Gott sei Dank nicht zu Hause.

00:44:59.200 --> 00:45:02.760 align:center line:-2
Meine Mutter sagte:
"Ich weiß nicht, wo er ist."

00:45:02.920 --> 00:45:06.720 align:center line:-2
Die Gestapo sagte dann:
"Sobald er nach Hause kommt,

00:45:06.880 --> 00:45:11.280 align:center line:-2
schicken Sie ihn zur Polizei.
Er muss verhaftet werden."

00:45:11.600 --> 00:45:15.120 align:center line:-2
Meine Mutter tat nur so,
als wüsste sie nicht, wo er ist.

00:45:15.280 --> 00:45:17.200 align:center line:-1
Sie wusste es natürlich.

00:45:17.360 --> 00:45:20.680 align:center line:-2
Dann haben unsere Freunde
meinen Vater versteckt.

00:45:20.840 --> 00:45:24.840 align:center line:-2
Das war das allererste Versteck.
Bei Freunden.

00:45:25.160 --> 00:45:28.920 align:center line:-2
Er brachte uns zu einer alten Dame
in der Brandenburgischen Straße.

00:45:29.080 --> 00:45:32.440 align:center line:-2
Die hatte nur eine 1,5-Zimmer-Wohnung
und kannte uns nicht.

00:45:32.600 --> 00:45:35.000 align:center line:-1
Aber als wir kamen mit diesem Freund,

00:45:35.160 --> 00:45:39.200 align:center line:-2
sie gebeten wurde, uns aufzunehmen
für die Nacht, tat sie das auch.

00:45:39.360 --> 00:45:42.760 align:center line:-2
Sie hatte also ein halbes Zimmer,
in dem sie schlief,

00:45:42.920 --> 00:45:48.160 align:center line:-2
und im großen Zimmer, dem Salon,
gab es nur zwei Wellensittiche.

00:45:48.480 --> 00:45:53.400 align:center line:-2
Meine Mutter und ich lagen auf der Erde,
also auf so Sessellehnen.

00:45:53.720 --> 00:45:57.960 align:center line:-2
Die Zeit ging vorüber,
nach ungefähr 14 Tagen gingen wir nach Hause.

00:45:58.280 --> 00:46:03.920 align:center line:-2
Wir gingen dann zu der alten Dame, um uns
zu bedanken, dass sie uns aufgenommen hatte.

00:46:04.080 --> 00:46:06.960 align:center line:-2
Da sagte sie:
"Es ist was Komisches passiert.

00:46:07.120 --> 00:46:10.520 align:center line:-2
Niki und Pippa hängen sich immer
an die Gardinenstange,

00:46:10.680 --> 00:46:14.400 align:center line:-2
Kopf nach unten, und dann sprechen sie."
Die können sprechen.

00:46:14.560 --> 00:46:18.080 align:center line:-2
"Martin, bist du wahnsinnig?"
Martin hieß mein Vater.

00:46:18.240 --> 00:46:21.440 align:center line:-2
"Bist du wahnsinnig",
sagte meine Mutter immer.

00:46:21.920 --> 00:46:25.440 align:center line:-2
Mein Vater wollte nämlich nicht raus
aus Deutschland.

00:46:25.760 --> 00:46:30.640 align:center line:-2
Er war einer von diesen Juden,
die Deutschland so liebten.

00:46:30.800 --> 00:46:33.920 align:center line:-2
Es war ja auch ihre Heimat,
es war ja berechtigt.

00:46:34.080 --> 00:46:36.760 align:center line:-2
Er sagte:
"Deutschland ist meine Heimat.

00:46:36.920 --> 00:46:40.320 align:center line:-2
Deutsch ist meine Sprache.
Ich gehe nicht ins Ausland."

00:46:40.640 --> 00:46:43.440 align:center line:-1
Der Tag war natürlich entsetzlich.

00:46:43.600 --> 00:46:48.520 align:center line:-2
Die Synagogen brannten, der Kurfürstendamm,
da waren die jüdischen Geschäfte.

00:46:48.840 --> 00:46:53.600 align:center line:-2
Die waren alle vorher gekennzeichnet worden
mit ganz großen weißen Lettern,

00:46:53.760 --> 00:46:55.560 align:center line:-1
auch mit Sara und Israel.

00:46:55.880 --> 00:47:02.320 align:center line:-2
Der Kurfürstendamm hat damals ausgesehen
wie nachher während der Bombardierungen.

00:47:02.480 --> 00:47:05.840 align:center line:-2
Das war ein schrecklicher Tag.
Da gab es noch Leute,

00:47:06.000 --> 00:47:10.400 align:center line:-2
wir hatten so ein Milchgeschäft,
die gesagt haben: "Was soll denn das?"

00:47:10.560 --> 00:47:14.400 align:center line:-2
Die waren damals noch sehr kritisch:
"So was macht man nicht."

00:47:14.560 --> 00:47:17.160 align:center line:-1
Einfach so... Ach, es war entsetzlich.

00:47:17.480 --> 00:47:22.520 align:center line:-2
Na ja, das war der Tag und ich durfte nicht
in die Schule gehen, das war ja klar.

00:47:22.680 --> 00:47:28.640 align:center line:-2
Ja, dieser November 1938
war eigentlich der Moment oder der Tag,

00:47:28.800 --> 00:47:32.480 align:center line:-2
wo man sich sagte,
hier kann man als Jude nicht mehr leben.

00:47:32.640 --> 00:47:35.440 align:center line:-1
Das hat dann sogar mein Vater akzeptiert.

00:47:35.760 --> 00:47:36.800 align:center line:-1
(Schülerin)

00:47:39.920 --> 00:47:43.960 align:center line:-2
Ach, Gott. Erstens mal die Menschen,
die ich verloren habe.

00:47:44.120 --> 00:47:49.560 align:center line:-2
Das ist nicht wegzumachen.
Das behält man. Nicht?

00:47:49.760 --> 00:47:52.240 align:center line:-1
Das ist, glaub ich, das Wichtigste.

00:47:52.560 --> 00:47:53.600 align:center line:-1
(Schülerin)

00:47:57.280 --> 00:48:01.480 align:center line:-2
Die Freude vor allem,
wenn er diese Nazis ausgetrickst hatte.

00:48:01.640 --> 00:48:05.040 align:center line:-2
Da lachten wir uns doch tot.
Das war doch himmlisch.

00:48:05.200 --> 00:48:10.160 align:center line:-2
Und er lachte mit uns. Wie gesagt,
dieses Akkordeon-Gesicht kam dann.

00:48:20.520 --> 00:48:23.480 align:center line:-1
Ganz einfach: Die Gestapo kam hierher.

00:48:23.640 --> 00:48:28.840 align:center line:-2
Das waren nicht die Helden, mit denen er
sonst zu tun hatte, sondern so Unterlinge.

00:48:29.000 --> 00:48:33.040 align:center line:-2
"Alle Blinden fertig machen.
Sie werden abgeholt." Entsetzlich.

00:48:33.800 --> 00:48:39.040 align:center line:-2
Könnt ihr euch vorstellen, Blinde, die
plötzlich ihre Sachen zusammensuchen müssen?

00:48:39.360 --> 00:48:44.360 align:center line:-2
Und dieses "Schnell, schnell" immer,
das ist unbeschreiblich gewesen.

00:48:45.360 --> 00:48:51.040 align:center line:-2
Unglaublich war, das hat mich beeindruckt,
es hat keiner geweint oder geschrien.

00:48:51.600 --> 00:48:55.040 align:center line:-1
Außer der kleinen Rosi Katz,

00:48:55.360 --> 00:48:59.320 align:center line:-2
ihr seht sie auch hier auf dem Foto,
so eine ganz kleine Frau,

00:48:59.640 --> 00:49:03.360 align:center line:-2
die sagte immer: "Ich habe nicht mal
eine Jacke für die Reise."

00:49:03.680 --> 00:49:07.920 align:center line:-2
Man konnte das gar nicht hören.
Dann trieben sie diese Menschen

00:49:08.240 --> 00:49:13.040 align:center line:-2
diese Treppe runter
und trieben sie in den Möbelwagen.

00:49:13.200 --> 00:49:16.440 align:center line:-2
Und Otto Weidt hat versucht,
mit ihnen zu reden.

00:49:16.760 --> 00:49:21.720 align:center line:-2
Der hat gesagt: "Wir haben nur den Auftrag,
die Blinden abzuholen, und mehr nicht."

00:49:21.960 --> 00:49:26.880 align:center line:-2
Und da ist er verschwunden natürlich.
Klar, er ist zur Gestapo gegangen.

00:49:27.040 --> 00:49:30.560 align:center line:-2
Ich war nicht dabei,
aber er hat es uns nachher erzählt.

00:49:30.720 --> 00:49:35.080 align:center line:-2
Er hat gesagt: "Was denken Sie eigentlich?
Wollen Sie mich ruinieren?

00:49:35.240 --> 00:49:39.320 align:center line:-2
Sie können mir doch nicht
alle meine Arbeiter wegnehmen."

00:49:39.720 --> 00:49:43.320 align:center line:-2
Er hatte wahrscheinlich wieder
ein Paket im Arm.

00:49:43.480 --> 00:49:48.640 align:center line:-2
Auf jeden Fall ist er dann
nach einer Zeit zurückgekommen,

00:49:48.960 --> 00:49:51.680 align:center line:-1
mit allen, die man abgeholt hatte.

00:49:51.840 --> 00:49:56.360 align:center line:-2
Das war wie eine Demonstration.
Die marschierten entlang bis hierher.

00:49:56.520 --> 00:50:01.080 align:center line:-2
Wir haben gedacht,
das ist das Schönste, was passieren kann.

00:50:01.240 --> 00:50:03.680 align:center line:-1
Wir waren auch so überzeugt davon,

00:50:03.840 --> 00:50:08.600 align:center line:-2
dass er uns allen immer helfen wird
und wir keine Angst zu haben brauchen.

00:50:08.760 --> 00:50:11.760 align:center line:-2
Wobei er dann sofort sagte:
"Ihr irrt euch.

00:50:12.120 --> 00:50:17.400 align:center line:-2
Die Nazis sind entschlossen,
Berlin 'judenrein' zu machen.

00:50:18.160 --> 00:50:22.320 align:center line:-2
Und jetzt müssen wir Verstecke suchen."
Das war seine Konsequenz.

00:50:22.640 --> 00:50:24.040 align:center line:-1
(Lehrer)

00:50:32.600 --> 00:50:36.600 align:center line:-2
Ja, also Chaim Horn,
der war ein Fachmann für Borsten.

00:50:36.920 --> 00:50:43.240 align:center line:-2
Er hatte auch mal in Brandenburg eine Fabrik,
die natürlich von den Nazis geklaut wurde.

00:50:43.400 --> 00:50:48.720 align:center line:-2
Er hat hier bei Otto Weidt
ein Unterkommen und eine Stelle gefunden.

00:50:48.880 --> 00:50:51.400 align:center line:-1
Er war zuständig für diese Borsten.

00:50:51.920 --> 00:50:57.520 align:center line:-2
Als dann die Sache mit den Deportationen
losging, hatte er wohl was gehört,

00:50:57.680 --> 00:51:02.640 align:center line:-2
dass Otto Weidt sich kümmert
und man eventuell untertauchen kann.

00:51:02.800 --> 00:51:04.960 align:center line:-1
Er hat Otto Weidt gequält

00:51:05.120 --> 00:51:08.640 align:center line:-2
und der hat dann nachgegeben:
"Schön, wir machen was."

00:51:08.800 --> 00:51:13.080 align:center line:-2
Er hat dann das hintere Zimmer
für vier Personen herrichten lassen.

00:51:13.240 --> 00:51:15.400 align:center line:-1
Das heißt, mit Matratzen.

00:51:15.560 --> 00:51:21.200 align:center line:-2
Und zwar Horns Frau und die zwei Kinder.
Er hatte einen Sohn und eine Tochter.

00:51:21.360 --> 00:51:24.160 align:center line:-1
Der Sohn hat ihm bei der Arbeit geholfen.

00:51:24.640 --> 00:51:26.720 align:center line:-1
Da haben die vier kampiert.

00:51:27.040 --> 00:51:31.560 align:center line:-2
Eines Tages ging Chaim Horn,
der Vater, auf der Straße

00:51:31.920 --> 00:51:36.480 align:center line:-2
und traf einen alten Freund
und erzählte ihm alles.

00:51:36.640 --> 00:51:42.000 align:center line:-2
Erzählte ihm, wer Otto Weidt ist, was er
hier macht, wie er uns hilft und so weiter.

00:51:42.160 --> 00:51:46.160 align:center line:-2
Er wusste leider nicht,
dass dieser Mann ein Spitzel war.

00:51:46.320 --> 00:51:49.440 align:center line:-1
Einer, der mit der Gestapo zusammenarbeitete.

00:51:49.760 --> 00:51:53.440 align:center line:-2
Einen Tag später oder so
kam dann die Gestapo hier an.

00:51:53.960 --> 00:51:58.560 align:center line:-2
Die wussten genau, wo sie hinzugehen hatten,
und verhafteten diese Leute.

00:51:58.720 --> 00:52:01.960 align:center line:-1
Und Otto Weidt hat es noch geschafft,

00:52:02.120 --> 00:52:06.480 align:center line:-2
seine Alice zu retten,
indem er also...

00:52:06.640 --> 00:52:10.720 align:center line:-2
Wie er das gemacht hat,
kann ich nicht sagen, aber er sorgte dafür,

00:52:11.040 --> 00:52:16.560 align:center line:-2
dass seine Leute nur, in Anführungsstrichen,
nach Theresienstadt kamen.

00:52:16.720 --> 00:52:21.880 align:center line:-2
Theresienstadt war ein Lager bzw. vorher
eine Kaserne von der tschechischen Armee.

00:52:22.040 --> 00:52:25.880 align:center line:-2
Da hat man die Leute untergebracht,
die man verhaftet hat.

00:52:26.040 --> 00:52:28.080 align:center line:-1
Aber das war schlimm genug.

00:52:28.400 --> 00:52:32.320 align:center line:-2
Sie sind auch dort gestorben
und haben nichts zu essen gehabt.

00:52:32.480 --> 00:52:36.640 align:center line:-2
Aber es gab keine Gaskammern,
was es ja in Auschwitz gegeben hat.

00:52:36.800 --> 00:52:41.760 align:center line:-2
Das hat Otto Weidt erreicht
bei den Gesprächen mit den Nazis,

00:52:41.920 --> 00:52:47.480 align:center line:-2
dass die Familie Licht und überhaupt
die anderen nicht nach Auschwitz kamen,

00:52:47.640 --> 00:52:52.600 align:center line:-2
sondern "nur" nach Theresienstadt,
wo er dann die Pakete hinschickte.

00:52:53.320 --> 00:52:54.720 align:center line:-1
(Schülerin)

00:52:58.040 --> 00:53:01.560 align:center line:-2
Na ja, das war nicht so einfach,
du hast ganz recht.

00:53:01.720 --> 00:53:05.360 align:center line:-2
Wenn man ein Buch schreibt,
wenn man Szenen beschreibt,

00:53:05.520 --> 00:53:07.880 align:center line:-1
muss man die noch mal durchleben.

00:53:08.040 --> 00:53:12.640 align:center line:-2
Versteht ihr, wie ich das meine?
Sonst kann man sie nicht niederschreiben.

00:53:12.960 --> 00:53:15.800 align:center line:-1
Und das ist halt nicht ganz leicht,

00:53:15.960 --> 00:53:20.160 align:center line:-2
wenn es darum geht, über Verwandte
oder liebe Menschen zu schreiben.

00:53:20.320 --> 00:53:22.440 align:center line:-1
Das kommt dann alles wieder.

00:53:22.600 --> 00:53:27.080 align:center line:-2
Darum hat es bei mir so lange gedauert,
bis dieses Buch rausgekommen ist.

00:53:27.240 --> 00:53:32.760 align:center line:-2
Bis mein Verleger mich sozusagen
gezwungen hat, es zu beenden.

00:53:32.920 --> 00:53:34.840 align:center line:-1
Das war nicht so einfach.

00:53:35.160 --> 00:53:36.560 align:center line:-1
(Schülerin)

00:53:43.640 --> 00:53:49.280 align:center line:-2
Angefangen habe ich es direkt nach dem Krieg,
sobald ich in England zur Ruhe gekommen war.

00:53:49.440 --> 00:53:52.600 align:center line:-2
Aber wie gesagt,
es kam immer diese Situation,

00:53:52.760 --> 00:53:57.680 align:center line:-2
dass ich jemanden oder eine Situation
beschreiben musste, die schrecklich war.

00:53:57.840 --> 00:54:02.760 align:center line:-2
Dann habe ich das Manuskript immer weggelegt.
So ging das jahrelang.

00:54:02.920 --> 00:54:06.880 align:center line:-2
Ich habe immer versucht,
mich zum Schreiben zu zwingen.

00:54:31.040 --> 00:54:35.680 align:center line:-2
Ja, das war eine wichtige Frage.
Das ist etwas, was ich nie überwunden habe.

00:54:35.840 --> 00:54:39.920 align:center line:-2
Ich habe immer noch bis zum heutigen Tag
dieses Gefühl der Schuld.

00:54:40.080 --> 00:54:44.360 align:center line:-2
Das Schicksal, das die anderen hatten,
das galt mir ja auch.

00:54:44.680 --> 00:54:46.760 align:center line:-1
Und ich hab mich versteckt.

00:54:47.200 --> 00:54:51.240 align:center line:-2
Und da fühlt man sich dann schuldig,
dass man das getan hat.

00:54:51.880 --> 00:54:53.680 align:center line:-1
Na ja, so ist es.

00:55:09.360 --> 00:55:11.160 align:center line:-1
Ja, das hoffe ich auch.

00:55:21.200 --> 00:55:24.640 align:center line:-1
(Unverständliches Stimmengewirr)

00:55:24.800 --> 00:55:29.320 align:center line:-2
Was willst du denn werden?
- Weiß noch nicht, vielleicht Schauspielerin.

00:55:33.280 --> 00:55:38.440 align:center line:-2
<i>(Inge Deutschkron) Ich fürchte, das ist</i>
<i>die Aufgabe der Jugend. Nächste Generation.</i>

00:55:38.600 --> 00:55:42.800 align:center line:-2
<i>Wachsam zu sein,</i>
<i>dass so etwas nie wieder passieren kann.</i>

00:55:42.960 --> 00:55:47.880 align:center line:-2
<i>Dafür zu sorgen, dass Schweinehunde wie</i>
<i>die Nazis nicht wieder an die Macht kommen.</i>

00:55:48.040 --> 00:55:52.320 align:center line:-2
<i>Das waren Mörder und die Gefahr besteht,</i>
<i>dass so was wieder passiert,</i>

00:55:52.480 --> 00:55:54.440 align:center line:-1
<i>wenn man nicht aufpasst.</i>

00:55:54.600 --> 00:55:59.360 align:center line:-2
<i>Dass hier in einigen Jahren</i>
<i>Nazis Menschen umgebracht haben,</i>

00:55:59.520 --> 00:56:03.480 align:center line:-2
<i>weil sie eine andere Hautfarbe hatten,</i>
<i>das ist so unglaublich.</i>

00:56:03.640 --> 00:56:08.920 align:center line:-2
<i>Unglaublich ist auch die Tatsache,</i>
<i>dass man diese Leute nicht verfolgt hat.</i>

00:56:09.080 --> 00:56:13.680 align:center line:-2
<i>Also es sind hier schon Morde</i>
<i>dieser Art passiert, wie sie früher waren.</i>

00:56:13.840 --> 00:56:18.760 align:center line:-2
<i>Und das kann natürlich im großen Stil</i>
<i>wieder passieren, wenn man nicht achtgibt.</i>

00:56:26.280 --> 00:56:29.280 align:center line:-1
(Unverständliches Stimmengewirr verklingt.)

00:56:45.240 --> 00:56:52.160 align:center line:-1
Untertitelung: Silke Nagel